Al-Wazir antwortet auf Sarrazin: „Ein rassistischer Unsinn“

Tarek Al-Wazir, Fraktions- und Landesvorsitzender der hessischen GRÜNEN antwortet sehr treffend auf Thilo Sarrazins diffamierende und rassistische Thesen in DER SPIEGEL (35 / 2010):

„November 2009. Die Alfred Herrhausen Gesellschaft der Deutschen Bank organisiert gemeinsam mit der „Frankfurter Allgemeinen“ in Berlin eine hochkarätig besetzte Konferenz mit dem Titel „Denk ich an Deutschland“. Henryk M. Broder als einer der ersten Redner erfüllt mal wieder alle Erwartungen: Da darf die Anekdote über die freiwillige Unterwerfung „der Deutschen“ unter „den Islam“ nicht fehlen: Die Stadt Krefeld verzichte neuerdings auf christliche Symbole bei der Weihnachtsbeleuchtung der Innenstadt, um die Gefühle der Muslime nicht zu verletzen. Kopfschütteln im Auditorium über diese Kapitulation ganz ohne Kriegserklärung, rauschender Beifall für den Redner und dessen Forderung nach mehr abendländischem Selbstbewusstsein.

Mein erstes Gefühl: Das glaube ich nicht. Innerhalb von fünf Minuten finde ich mit meinem Mobiltelefon im Internet heraus, dass es sich anders darstellt. Die Krefelder Geschäftsleute wollten die Weihnachtsbeleuchtung schon Ende Oktober beginnen lassen.

Der Vorsitzende der örtlichen Werbegemeinschaft, ehrenamtlich sogar Kirchenvorstand, hat dann die anderen Einzelhändler davon überzeugt, dass aus Respekt vor der religiösen Bedeutung von Weihnachten und angesichts des allzu frühen Termins eine Maßnahme zur Förderung des Kommerzes nicht in Verbindung mit Weihnachten gebracht werden sollte. Im Oktober wurde daraufhin zwar die Innenstadt zur Förderung des Weihnachtsgeschäfts beleuchtet, aber erst im Advent kamen die weihnachtlichen Symbole hinzu. Von wegen Kapitulation vor dem Morgenland, in Wahrheit also endlich mal wieder Respekt vor dem Christentum.

Die üblichen Verdächtigen (unter ihnen natürlich der damalige Augsburger Bischof Walter Mixa) erklärten trotzdem mannhaft, dass die nichtchristlichen Minderheiten die Mehrheitskultur gefälligst zu akzeptieren haben. Kaum einer machte sich die Mühe, die Frage zu stellen: Stimmt das eigentlich? Natürlich geistert diese Geschichte seit fast einem Jahr durchs Internet, und ich fürchte, auch viele der Meinungsbildner, die da beim „Denk ich an Deutschland“-Forum saßen, haben sie kopfschüttelnd weiterverbreitet, weil sie ja wieder mal Bestätigung für das ungute Gefühl ist, dass „der Muslim“ hier bald „die Macht“ übernimmt, weil die „Gutmenschen“ die „Wahrheit“ nicht sehen wollen.

August 2010. Thilo Sarrazin schlägt wieder zu. Diesmal auf Hunderten Buchseiten mit dem Titel „Deutschland schafft sich ab“. Kernthese: „Der Muslim“ an sich ist integrationsunwillig und -unfähig, lässt sich vom dummen deutschen Sozialstaat durchfüttern, setzt dabei Millionen Kinder in die Welt, während „der Deutsche“ sich nicht ausreichend fortpflanzt und deshalb unweigerlich bald in der Minderheit sein wird. Das Ganze wird dann mit geradezu abenteuerlichen halbwissenschaftlichen Argumenten und Statistiken „bewiesen“. Und Sarrazin, in Marketingfragen erfahren, erreicht genau, was er will: Von SPIEGEL über „Bild“ bis „Zeit“ seitenweise Vorabdrucke, Interviews, Berichte über den „Klartext-Politiker“ („Bild“).

Für mich ist die spannende Frage weniger, warum ein zorniger alter Mann, der den Verlust öffentlicher Aufmerksamkeit nicht erträgt, ständig weiter provoziert, vor allem, wenn er damit Geld verdient. Ich frage mich, warum kaum einer die Fakten prüft, sondern der Unsinn einfach verbreitet wird. Natürlich wird Sarrazins Buch sich sensationell gut verkaufen, und es wird viele geben, die sich beim Lesen auf die Schenkel klopfen und „Genau so ist es“ und „Endlich sagt’s mal einer“ rufen. Aber nur dadurch, dass viele etwas glauben, wird es ja noch lange nicht wahr.

„Zigeuner essen kleine Kinder“ oder „Auf Brandwunden gehört Margarine“ waren auch mal solche „Wahrheiten“,

und immerhin glaubt fast ein Viertel der US-Amerikaner, dass ihr christlich engagierter Präsident in Wahrheit ein Moslem ist, und etliche behaupten immer noch, dass er in Kenia geboren wurde. Bisher hatte ich Deutschland, meinem Land, mehr zugetraut als Sarah Palin und Fox News. Ich möchte das gern auch weiterhin tun.

Knapp 20 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, sind also entweder selbst im Ausland geboren oder haben mindestens ein im Ausland geborenes Elternteil. Vor 40 Jahren hätte diese Realität des Jahres 2010 sicher Untergangsszenarien hervorgerufen, heute ist es selbstverständliche Normalität, nicht immer einfach, aber im Großen und Ganzen funktionierend.

„Ausländer raus“ geht nicht mehr. Also wird jetzt erklärt, nicht der Zuwanderer, sondern der Muslim an sich sei integrationsunfähig.

Natürlich gibt es Probleme mit Einwanderern, auch mit Einwanderern der zweiten und dritten Generation, natürlich auch mit Menschen muslimischen Glaubens. Berlin-Neukölln ist Realität, keine Frage. Aber der Ballermann auf Mallorca ist eben auch Realität. Wenn irgendjemand behaupten würde, „alle Deutschen“ seien so wie die grölenden, betrunkenen, kopulierenden Horden, die sich Sommernacht für Sommernacht rund um die Schinkenstraße auf Malle vergnügen – wer würde das glauben? In Deutschland leben vier Millionen Muslime. Und die sollen alle den Hammel erst in der Badewanne schlachten und dann auf dem Balkon grillen? Meine (sudetendeutsche) Oma hätte auf solchen Unsinn nur mit einem „Jesses, Maria und Josef“ reagiert.

Wenn Sarrazin die kühne Rechnung anstellt, dass es angesichts der „Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten“ im Jahr 2100 mehr „Türken“ als „Deutsche“ geben wird, wer fragt ihn denn nach der schlichten Erkenntnis der Statistiker, dass sich die Geburtenzahlen der Einwanderer in der zweiten Generation dem der Ursprungsbevölkerung sehr deutlich annähern? Wenn man Sarrazins Rechenmethode der Fortschreibung von Geburtenentwicklungen übernimmt, dann könnte man auch „beweisen“, dass es in ferner Zukunft keine Nachkommen der türkischen Einwanderer mehr gibt, da sie sich ja offensichtlich von Generation zu Generation weniger vermehren. Und, so ganz nebenbei, nach seiner Rechenmethode haben jetzt wahrscheinlich im engeren Ruhrgebiet die „Polen“ die Mehrheit. Bei Sarrazin gibt es keine binationalen Partnerschaften, keine Integration und auch in 100 Jahren keine Assimilation. Was für ein Unsinn, ohne jede Kenntnis über die Geschichte der Einwanderung.

Wieso fragt bei Sarrazins wilden Behauptungen über den Unterschied zwischen Muslimen und Deutschen niemand nach, wo seine Zahlen eigentlich herkommen? Bei ihm gibt es weder Iraner noch Bosnier, keine eingebürgerten Muslime, erst recht keine nichtgläubigen Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern. Es gibt aber in Deutschland aus guten Gründen keine Statistiken, die nach Religionszugehörigkeit unterscheiden, sondern nur nach Nationalität. In den letzten zehn Jahren sind mehr als eine Million Menschen eingebürgert worden. In aller Regel entscheiden sich logischerweise die besser integrierten Zuwanderer zu einem solchen Schritt. Die in der Statistik verbleibenden „Türken“ werden deshalb, ohne dass sich an der individuellen Situation etwas ändert, als Gruppe statistisch immer schlechter integriert. Was beweist das? Die Dummheit der „Muslime“?

Wieso fragt denn niemand den (Noch-) Sozialdemokraten Sarrazin, wie er allen Ernstes behaupten kann, es gäbe „beim Muslim“ eben keine vernünftige Erklärung für manche Probleme außer Religion und „Vererbung“? Die Geschichte der Sozialdemokratie ist auch eine Geschichte von Arbeiterbildungsvereinen, von Volkshochschulen, von Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Sarrazin fällt argumentativ noch hinter das preußische Dreiklassenwahlrecht zurück, indem er einfach behauptet, dass mit dieser Religion und diesem Erbgut ein Aufstieg sowieso ausgeschlossen sei. Was für ein rassistischer Unsinn.

Bei der Einführung der vorschulischen Sprachförderung in Hessen vor zehn Jahren drehte sich die Debatte in der Öffentlichkeit vor allem um die Frage, wie denn mit denen umgegangen werden soll, die die Teilnahme an den Sprachkursen verweigern würden. „Nur wer Deutsch kann, kommt in die erste Klasse!“ war der Slogan von Roland Kochs Kultusministerin. Einige Jahre später gab es erstaunliche Ergebnisse: Das Angebot wurde wider Erwarten gut angenommen. Die Zahl der Verweigerer war sehr gering, die Einschulung musste in den allerseltensten Fällen verweigert werden. Die begleitende Studie zur Situation der Sprachentwicklung vierjähriger Kinder hatte allerdings erstaunliche Ergebnisse: Über 50 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund, aber eben auch 22 Prozent der Kinder mit deutscher Muttersprache hatten einen sprachlichen Förderbedarf. Ursache: überwiegend mangelnde Kommunikation.

Könnte es sein, dass Sarrazin nicht nur übersieht, dass es in einer zunehmend segregierten Gesellschaft weiterhin Schichten gibt, sondern dass auch die Entwicklung der elektronischen Medien völlig an ihm vorübergegangen ist?

In meiner Kindheit gab es drei Fernsehprogramme, nachmittags ein Testbild und um 18 Uhr im Dritten die „Sesamstraße“, natürlich auf Deutsch. Heute kann der Fernseher rund um die Uhr in fast allen Sprachen dieser Welt laufen und Kinder vom Sprechen, Lesen und Spielen abhalten. Fehlt nur noch, dass Sarrazin die Satellitenschüssel zu einer Erfindung „der Muslime“ erklärt.

Thilo Sarrazin hat das Recht dazu, Unsinn zu verbreiten. Aber ich finde, dass kluge Menschen die Pflicht haben, diesen Unsinn zu hinterfragen. Wir sollten uns die Frage stellen, was für Probleme es im Einwanderungsland Deutschland gibt und wie alle gemeinsam diese Probleme lösen können. Die vermeintlich einfachen Antworten haben da noch nie weitergeholfen.

Die ersten Gastarbeiterkinder wurden in Deutschland oft in ihren Herkunftssprachen unterrichtet, um ihre „Rückkehrfähigkeit“ zu erhalten. Als Kanzler Willy Brandt im Jahr 1973 die Ölkrise zum Anlass nahm, die Anwerbung von Gastarbeitern auszusetzen, war das Ziel, die Zahl der Ausländer in Deutschland zu verringern. Im Ergebnis stieg die Zahl an, weil von denen, die schon hier waren, im Gegensatz zu vorher kaum einer mehr zurückkehrte. Man fürchtete, danach nie mehr in Deutschland arbeiten zu können. Oft wurde erst dann die Familie nachgeholt. Klassische Beispiele für eine Einwanderungspolitik, die logisch erschien und sich als völlig kontraproduktiv erwies.

Übrigens: Woher kommt denn der zornige alte Mann? Wenn ich richtig informiert bin, stammt Thilo Sarrazin nicht etwa von den Sarazenen ab (wobei, vielleicht hat sich da mal einer dazwischengeschoben, aber das möchte ich jetzt nicht zu Ende denken), sondern seine Vorfahren waren Hugenotten, also evangelische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich. Diesen wurde in vielen Regionen Deutschlands Bleiberecht gewährt, auch in Brandenburg.

Mit dem Edikt von Potsdam gewährte Friedrich Wilhelm von Brandenburg Religionsfreiheit, Ausstattung mit Garten, Haus und Ackerland, Berufsfreiheit, eigenes Schulwesen, eigene Rechtsprechung und volle Steuerfreiheit auf etliche Jahre. Aus heutiger Sicht eine völlig inakzeptable Privilegierung einer bestimmten Migrantengruppe, die sicherlich auch nicht auf das Jahr 2010 übertragbar ist. Ich erwähne sie trotzdem, um eines klarzumachen: Was für ein Glück für Deutschland und die Vorfahren von Thilo Sarrazin, dass die Hugenotten auf einen klugen Kurfürsten und nicht auf einen zornigen alten Mann getroffen sind.“

Danke Tarek!

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