Alles wird anders. Nur wie genau, wissen wir nicht.

Zur Zukunft der Medienlandschaft und dem drohenden Ende des Qualitätsjournalismus

von Nikolaus Huss und Daniel Mack

Nach langem, schwerem Leiden hat die Frankfurter Rundschau Insolvenz angemeldet. Und diese Woche verkündet das Verlagshaus Gruner und Jahr das Ende der Financial Times Deutschland, die sozusagen aus Liebe zur journalistischen Leidenschaft von eben jenem Haus Zeit seines Lebens an der Beatmungsmaschine gehangen hat. Soviel ist sicher: Bei beiden hat es nicht an der journalistischen Qualität gelegen. Daran gemessen hätte es andere erwischen müssen. Und Spott verbietet sich auch deshalb, weil eine ganze Reihe erstklassiger Journalisten künftig auf der Straße stehen werden. Sehr bitter. Aber Trauer und Betroffenheit sollten uns nicht den Blick darauf verstellen, was sich hinter den Kulissen tut. Quo vadis, deutsche Medienlandschaft, für die uns die ganze Welt beneidet.

Italien sieht Berlusconis Tittenfernsehen. Aber Deutschland liest. Die Frage, wie lange noch, wer künftig die Texte schreibt. Und ob bei der Art der Texterstellung, dann noch von kritischer Öffentlichkeit, Debattenkultur, dem Citoyen, dem gebildeten und der freien Presse gesprochen wird.

Wir wollen mit diesem Text nicht behaupten, in allen Sachen Recht zu behalten. Was wir wollen, ist den Kopf zu öffnen. Nicht vordergründig den Untergang des Abendlandes zu beklagen, wenn, möglicherweise, die scheinbare Attraktivität des Journalistenberufes, Stichwort „soziale Anerkennung“ dazu geführt hat, dass wenige Ingenieure, viele aber Journalisten werden wollen.

Nichts wird bleiben, wie es ist. Die traditionellen Zeitungen, früher Marktplatz für politische und gesellschaftliche Informationen, lokale und regionale Nachrichten und Ereignisse, über Anzeigen finanziert, waren lange ein funktionierendes Geschäftsmodell. Jetzt nicht mehr.

In Zahlen: Im dritten Quartal des Jahres 2002 wurden in Deutschland jeden Tag 27,49 Millionen Tageszeitungen aufgelegt. 2012 waren es nur noch 21,13 Millionen. Geht es mit dem Auflagenschwund so weiter, dann erscheint 2034 in Deutschland die letzte gedruckte Zeitung. Nicht unvorstellbar.

Einfalt gibt es schon länger.

Wir – Politik, Gesellschaft, Individuen – haben jedoch ein außerordentlich großes, ja: vitales Interesse an Qualitätsjournalismus und einer vielfältigen, funktionierenden, freien und kritischen Medienlandschaft. Wir brauchen Journalisten, die Fragen stellen, recherchieren, quer denken, widersprechen, Debatten organisieren. Ohne qualifizierte Informationen und kontroverse Debatte gibt’s keine Demokratie. Wer, außer FAZ, Süddeutsche, Handelsblatt, Spiegel, Stern, Zeit und taz leistet das noch? Leserinnen und Leser nutzen deshalb heute die Möglichkeit, ihre Überregionale täglich im Postkasten zu haben. Oder über App zu abonnieren. Oder sich elektronisch von allen weltweit führenden Tageszeitungen informieren zu lassen.

Und die Vielzahl der Tageszeitungen führt nicht zu mehr Vielfalt, wenn alle dieselben Nachrichten über dpa beziehen und kontroverse Debatte längst nicht mehr stattfindet. Mut zur kommentierenden Kontroverse nur noch mit der Lupe oder gar nicht zu finden ist. Der Abbau redaktioneller Kompetenz zeigt schon Konsequenzen.

Wer im ländlichen Raum wohnt, weiß schon heute, dass formale Pressefreiheit nichts nutzt, wenn die einzige regionale Zeitung das Meinungsmonopol hat.

Da sorgen andere für Debatten und Kontroversen: Blogs und Online-Medien, manche zwar mit mehr Mut zur Meinung als zur Qualität, aber dort findet Auseinandersetzung statt. Und nicht mehr vom Gleichen.

Und immer an den User denken

Wer die Debatte um die Leistungsabgabe verfolgt, fragt sich manchmal, warum die Verleger eigentlich nur an ihr altes Geschäftsmodell und niemals an die Leser denken.

Wer sich umsieht, bemerkt, dass Informationsbeschaffung längst neue Wege geht. Eine neue Leser- oder Nutzergeneration denkt und informiert sich segmenthafter, phasenweise, ausschnittweise, on demand. Und natürlich visuell, bildlich oder gar mit Bewegtbild. Zeitung scheint da von gestern. Während globale Medien stets aktuell und überall jederzeit verfügbar sind, wirken traditionelle Produktionszyklen oder ein Redaktionsschluss hoffnungslos antiquiert. Regionale Herstellung ist kaum noch von Interesse, regionale Kompetenz durchaus. Viele Medienhäuser haben den Umbruch der Geschäftsmodelle einfach verschlafen.

Nicht allen klassischen Medienhäusern geht es schlecht. Springer steht zum Beispiel ganz gut da: Das Verlagshaus hat seine führenden Marken digitalisiert, Bild, Sportbild, Autobild und Computerbild bringen auch in der digitalen Form hohe Erträge.

Auch Burda, der deutsche Pionier von Visualisierung und Digitalisierung hatte schon in den Neunzigern Workshops mit Negroponte, Netscape Anderson, Peter Glotz und sich selbst organisiert. Und jetzt verdient das Verlagshaus an seinen digitalen Vertriebskanälen Cyberport und anderen, das Geld, das er in Medien reinvestieren kann.

Medienhäuser, die sich frühzeitig um digital basierte Ertragsquellen gekümmert und diese gut, nachhaltig entwickelt und zuweilen auch mit radikalen Schnitten neu zusammengestutzt haben, können diese Erträge jetzt dazu nutzen, ihre publizistischen Produkte neu zuzuschneiden.

Kostenlos ist nicht umsonst

Die Kostenloskultur des Internet stellt die Medien vor Riesenprobleme. Denn im Internet ist alles scheinbar gratis, umsonst zu haben: Mail-Account anlegen? Kostenlos. Anzeigen bei Auto-, Immo-, Dating- oder wasweissich-Sites aufgeben: Kostenlos. Profile in einem sozialen Netzwerk eintragen? Kostenlos. Nachrichten, Börsenkurse und Wetterberichte nachschlagen? Ebenfalls: kostenlos.

Der homo oekonomikus des digitalen Geiz-ist-geil-Gratiszeitalters springt auf solche Angebote an und nutzt die Kostenloskultur ohne Gedanken an oder Rücksicht auf den mittelbaren Preis.

Den Preis der Kostenloskultur zahlen wir mit unseren persönlichen Daten. Oder glaubt jemand wirklich noch, der fantastische Börsenwert von Facebook gründe auf dem Austausch von Urlaubsbildern?

Man kann das beklagen, aber davon wird es nicht besser. Regionale Tageszeitungen haben früher Anzeigenmarktplätze organisiert, die ihnen längst verloren gegangen sind. Die Verleger haben darauf mit der Ausdünnung der redaktionellen Mannschaften reagiert. Basisinformationen findet man auch im Internet. Also, wozu zahlen? Der regionale Marktplatz Zeitung, der Stellenanzeigen, lokale Händler, Gebrauchtwagenanzeigen und anderes gebündelt hat, ist weg. Märkte strukturieren sich jetzt vertikal, nicht mehr horizontal! Auch unser aller Datenkrake, Google, wird es dann schwer haben. Denn wenn niemand mehr Texte schreibt, gibt es auch keine Schlagzeilen mehr weiter zu reichen. Aus die Maus.

Wo Altes zerfällt, bricht sich Neues die Bahn

Um das gleich vorweg zu nehmen: Wo eine neue Information- und Debattenkultur mit Qualität entsteht, wir wissen es nicht. Aber wir sind zuversichtlich, dass Information, Kommunikation und Qualität ihre Form finden. Es werden alte und neue Formen sein, Print, Bewegtbild und Online. Wer wann was dafür zahlt, muss sich noch klären. Es werden weniger Qualitätsmedien sein, aber hoffentlich bessere. Die Angebote werden, hoffentlich, stärker auf Nutzerbedürfnisse abgestimmt sein. Information wird heute zunehmend als digital-sozialen Workflow wahrgenommen: Ich muss und darf Wissen nicht horten, sondern teilen. Information ist insofern ein Rohstoff, der rezipiert, tranchiert, seziert und wieder zusammengesetzt wird. Dafür, wir sind uns sicher, zahlt der User.

Ein paar Ideen? Wie wäre es, redaktionelle Artikel zu syndikalisieren. Warum gibt es keinen medialen Workflow, in dem sich der Abonnent seine Nachrichtenquellen über die Zeit selbst zusammenstellen und kanalisieren könnte: Das Feuilleton der FAZ, die Kommentare der taz, die Seite drei der FR?

Oder aus Journalisten, Blogs. Venture Capitalisten entwickeln einen neuen digitalen Anbieter. Vielleicht eine Line-Extension von Amazon? Kundenbindung durch Meinungsqualität. Das Redaktionsstatut könnte dann wieder ernst genommen werden, anders als bei manchen Medienhäusern. Die Informationen sind im digitalen Workflow. Alles bestens.

Mut, etwas zu unternehmen 

Wir alle sind fasziniert von den digitalen Umbrüchen, die die Welt um uns neu definieren. Und, ja, wir alle haben auch Angst. Wie wird die Zukunft werden? Wir hoffen auf Verleger, die Unternehmer mit Phantasie sind und mit Journalisten und Lesern/Usern darüber reden, wie redaktionelle Qualität, Userinteressen zum passenden Geschäftsmodell finden können.

Neugier und Mut ist dazu von Nöten. Wer aber immer dünneren Wein in die alten Schläuche füllt, dessen Zeit geht zu Ende. Das wird nicht der Untergang des Abendlandes, könnte aber der Untergang der (Tageszeitungs-)Verlagshäuser alter Prägung sein.

Das ist kreative Zerstörung. Das macht unser Wirtschaftssystem aus. Ja! Wir bleiben gespannt.

Nikolaus Huss ist Partner bei KovarHuss, war Parteimanager, Geschäftsführer in national und international führenden Agenturen, Beirat der Zeitschrift für Politikberatung, Beirat der Deutschen Umweltstiftung und ist Blogger.

Daniel Mack ist Mitglied des Hessischen Landtags, Sprecher für Netzpolitik und Sport der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen sowie Blogger und auf Twitter aktiv.

28 Kommentare

  1. Lennart says:

    „Information ist insofern ein Rohstoff, der rezipiert, tranchiert, seziert und wieder zusammengesetzt wird. Dafür, wir sind uns sicher, zahlt der User.“

    Zeit-Online und Spiegel-Online verdienen mit ihren Seiten Geld. Warum dafür eine verpflichtende Zahlschranke einführen?

  2. ERL says:

    „Wer im ländlichen Raum wohnt, weiß schon heute, dass formale Pressefreiheit nichts nutzt, wenn die einzige regionale Zeitung das Meinungsmonopol hat.“

    Zeitungen sowas ohne Beleg zu unterstellen ist einfach krass!

  3. Birgit says:

    Line Extension von Amazon?
    Ich verstehe was sie sagen wollen. Ich verstehe aber nicht die Verenglischisierung in uhrem Text.

    Zeitungen bei iTunes. Schwer vorstellbar aber besser als nichts. Und wozu Papier wenn alle iPads haben!

  4. Michael says:

    „Und die Vielzahl der Tageszeitungen führt nicht zu mehr Vielfalt, wenn alle dieselben Nachrichten über dpa beziehen und kontroverse Debatte längst nicht mehr stattfindet.“

    Bedeutet das ein Nein zu regionalen Zeitungen oder ist das eine Kritik an der dpa?

  5. Rolf Eckert says:

    Im Main-Kinzig-Kreis haben wir nun für die Region sehr viele Zeitungen. Glauben Sie auch an ein Ende dieser Blätter oder welchen Weg schlagen Sie stattdessen vor?

    Wie würde eine App mit verschiedenen Zeitungen ausschauen?

    • Daniel Mack says:

      Ich verfolge die Entwicklung der Zeitungslandschaft im MKK (FR, FAZ, Hanauer Anzeiger, Hanau Post, Maintaler Tagesanzeiger, Gelnhäuser Neue Zeitung, Gelnhäuser Tageblatt, Kinzigtalnachrichten) mit großem Interesse.

      Leider traut sich bisher keine Zeitung mit einer App ins Netz, die auch das Kaufen einzelner Beiträge ermöglicht.

  6. Dennis E. says:

    Daniel, Du übertreibst. Deine Seite ist selbst kostenlos. Was bringt Dir das schimpfen auf kostenlose Inhalte?

    Google verdient anderweitig, Web.de verdient mit Werbung. So könnten auch FR und FTD überleben.

    • Rolf says:

      Bezahlt wird mit Daten und nicht mit Geld. Was sind uns unsere Daten dann Wert? Ist Geld nicht der sichere Weg?

      Die Umsonstkultur deutlich anzusprechen ist genau das, was Medienschaffende und Autoren von Politikern erwarten, auch wenn diese den Zustand nicht selbst beenden können!

      Qualität kostet. Geld!

    • jake says:

      „Daniel, Du übertreibst. Deine Seite ist selbst kostenlos. Was bringt Dir das schimpfen auf kostenlose Inhalte?“
      Es ist ja gerade nicht umsonst (Werbung, Daten). Man zahlt ja. Aber weil wir denken es wäre umsonst oder zumindest einfacher als ein Abo abzuschließen oder per PayPal zu bezahlen, nutzen viele lieber lieber das, als sich elektronisch oder am Kiosk die Zeitung zu kaufen. Der Autor kann seinen Blog hier kostenlos betreiben, weil er nur gelegentlich schreibt und nicht beruflich. Professioneller Journalismus braucht Zeit und Geld.

      „Google verdient anderweitig, Web.de verdient mit Werbung. So könnten auch FR und FTD überleben.“

      „Google verdient anderweitig“ ist schön. Ja wie denn? Durch personalisierte Werbung und einen weltweit quasi monopolartigen Zugang zu Kunden. Wenn du jetzt noch sagen kannst, wie man das kopiert, hast du einen Job bei Yahoo praktisch sicher.
      Und Web.de ist einfach vollgeknallt mit Boulevard und Werbung. Aber Bild und Web.de nachzueifern, ist wohl kaum eine Lösung für FR und FTD.

    • Daniel Mack says:

      Meine Seite ist kostenlos, weil ich kein Journalist bin und mit dieser Seite auch keine Einnahmen erziele. Im Gegenteil: Der Blog kostet mich Geld und viel Zeit.

  7. Reinhold says:

    Ich teile diese Auffassung. Ich würde Sie bitten Herr Mack, nicht nur auf online zu setzen. Wir brauchen auch nach 2034 noch gedruckte Zeitungen. Sonst wird das Land des Buchdrucks wirklich arm!

  8. Transparenz-Pirat says:

    Warum schreibt Daniel Mack diesen Text mit einem Berater und nicht alleine?

    Ich halte das für bedenklich!

    • Daniel Mack says:

      Warum halten Sie das für bedenklich?

      • Transparenz-Pirat says:

        Weil der Co-Autor Berater ist und vermutlich andere Interessen verfolgt. Welche Kunden hat er?

        • Fragt der Transparenzpirat: Warum schreibt Daniel Mack diesen Text mit einem Berater und nicht alleine?

          Ich halte das für bedenklich!

          Sagt der Berater, der dann ja auch grünes Mitglied ist und ein großes Interesse an intelligenten Medien: @Transparenz-Pirat: Kann der Transparenzpirat (ja, namen hat er nicht, nur Attitüde) mal gerne lesen, was ich schreibe, dann kann er sich ein urteil bilden. Aber nicht jeder, der Berater ist, hat immer Kunden im Kopf, manchmal auch ein interesse daran, dass das Boot nicht absäuft, in dem wir sitzen. Und das Boot heißt freiheitlich demokratische Grundordnung und Marktwirtschaft. Und: Transparenz ohne zu wissen wozu, ist selbstreferenziell.

  9. Sebi says:

    Am Ende wird es auf Freemium hinauslaufen…!

  10. Jenny says:

    Der Kommentar des Piraten spricht für sich! Kostenlos gibts keine Qualität will. Wer Qualität will zahlt gerne. Nikolaus und Daniel haben das treffend auf den Punkt gebracht. Wer will Tittenfernsehen in Deutschland?

    „Neugier und Mut ist dazu von Nöten. Wer aber immer dünneren Wein in die alten Schläuche füllt, dessen Zeit geht zu Ende.“

    Klasse!

  11. Bastian says:

    Hey Daniel,

    ziemlich nice der Post. Du beschreibst sehr gut die Gründe. Ich bin jemand, der jetzt durch die Krise sein erstes Abo abgeschlossen hat und vorher immer kostenlos gelesen hat.

    Die Idee der neuen Abomodelle finde ich klasse. Was sagen Verlage dazu?

    Bastian

  12. R. says:

    Ich kann Macks gefasel von der Kostenloskultur nicht mehr lesen. Ist das irgendwo belegt? Ist im Netz alles kostenlos? Nichts ist umsonst. Was kostet mich der Anschluss? Was kostet mich die Hardware? Was kostet mich ein gescheites Notebook für das ich übrigens genug indirekte Abgabe zahle.

    Ich dachte die Grünen wären für die Kulturflat!?

  13. Wetterau-Pirat says:

    Und wieder wird das hohe Lied der Kostenloskultur gesungen. Nein. Ich zahle nicht für Texte!

  14. Dieter W. says:

    Vorzüglich. Nur wo sind die neuen Geschäftsmodelle? Die Paywall kann es doch nicht sein…

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