Aus im WM-Viertelfinale: Zu viel, zu früh zu gut

Doppel-Weltmeister, 15 WM-Spiele hintereinander ungeschlagen und trotzdem ausgeschieden: Die deutsche Nationalmannschaft ist ihrer Favoritenrolle bei der Heim-WM nicht gerecht geworden und am Samstagabend gescheitert.

Kein Kombinationsspiel, Rumpelfußball und fast nur hohe Bälle: Dem deutschen Spiel fehlte bei der Niederlage gegen Japan nahezu jeder spielerische Impuls. Die wenigen Chancen aus dem Spiel wurden verstolpert oder leichtfertig vergeben. Es wurde deutlich, dass physische Kraft die spielerischen Mängel nicht überdecken kann. Gefährlich waren die DFB-Frauen nur bei Standardsituationen, bei denen sie ihre körperliche Überlegenheit ausspielen konnten. Aber ohne Torerfolg.

Minimalziel Olympiaqualifikation verpasst

Die Auswechslung von Linda Bresonik, für die verletzungsbedingt ausgeschiedene Kim Kulig ins zentrale defensive Mittelfeld gerückt, durch Lena Goeßling war taktisch unklug. Klar, die spielerische vielseitige Bresonik hätte ihre Aufgabe besser machen müssen, durch das Austauschen in der 65. Minute beraubte sich Silvia Neid allerdings einer weiteren Wechselalternative. Gerade zu diesem Zeitpunkt hätte das Spiel eine Lira Bajramaj gebraucht, die mit ihrer Kreativität und dribbelstarken und dynamischen Spielweise dem Spiel eine neue Richtung hätte geben können. Auch auch die zu spät erfolgten beziehungsweise ausgebliebenen Einwechselungen von Alexandra Popp und Birgit Prinz sind Beweis für die Ratlosigkeit auf der Deutschen Bank. „Wir hätten heute noch paar Stunden spielen können und hätten auch nicht getroffen. Diese Niederlage müssen wir nun verkraften.“, versucht Bundestrainerin Neid nach dem Spiel den Blick nach vorne zu richten. Nach vorne heisst in diesem Fall ins Jahr 2013. Mit dem Halbfinaleinzug der Schwedinnen wurde auch das Minimalziel, die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012, verpasst.

Geistige Blockaden

Bereits zu Beginn der WM wirkte die Deutsche Mannschaft verunsichert. Für die Spielerinnen und Team-Verantwortlichen war der Umgang mit den hohen Erwartungen Neuland und nicht einfach zu bewältigen. Das enorme öffentliche Interesse, die ungewohnt stimmungsvolle Atmosphäre in den Stadien und immer neue TV-Quotenrekorde sind in den Mittelpunkt der Gedanken gerückt. Aus unbekannten Spielerinnen wie Celia Okoyino Da Mbabi wurden innerhalb weniger Stunden Stars. Der große Rummel war den Spielerinnen nicht bekannt, er war ihnen zu viel. Kein Wunder, dass das auf dem medialen Parkett unerfahrene Team war sich zu sehr mit sich selbst beschäftigte. Bestes Beispiel: Lira Bajramaj. Dritte bei der Wahl zur Weltfußballerin des Jahres 2010, mit zahlreichen Werbeverträgen ausgestattet, frisch zum Branchenprimus, dem 1. FFC Frankfurt, transferiert, wurde vom DFB als schönstes Gesicht der Mannschaft vermarktet und sollte zum Superstar der WM werden. Am Ende war es ein persönliches Desaster. Kein Platz in der Startelf, weil die Bundestrainerin ihr eine geistige Blockade diagnostiziert oder auch eingeredet hatte und sie in wenigen Spielminuten ihre technische Begabung nicht nutzen und das Spiel zu keiner Zeit entscheidend prägen konnte.

Wenn der Kapitän spielt, dann spielt er

Schon zum WM-Start hatte das Team von Bundestrainerin Silvia Neid große Probleme. Gegen Kanada konnte vor der der ungewohnten Megakulisse von über 73.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit Mühe und Not ein knapper 2:1 Sieg erreicht werden, gegen Nigeria fanden die DFB-Frauen 90 Minuten lang nicht ins Spiel und sind dank der hervorragenden Einzelleistung und dem Glücksschuss von Simone Laudehr nicht untergangen. Die schwachen Leistungen wurden vor allem der formschwachen Birgit Prinz in die Schuhe geschoben. Der Umgang mit der mehrmaligen Weltfußballerin lässt Zweifel an Neids Strategie aufkommen. Konnte oder wollte sie Birgit Prinz nach den für den Kapitän torlosen Partien die Binde und damit auch den Stammplatz vor der WM nicht wegnehmen? Eins steht jedenfalls fest: Wenn der Kapitän spielt, dann spielt er bis zur 90. Minute und wird nicht nach der 56. und 53. Minute ausgewechselt und sich schon gar nicht medial von ihm distanziert. Die Baustelle Prinz wurde zum Problem, zu einem zu großen für eine Weltmeisterschaft. Die Rekordnationalspielerin, zweimalige Weltmeisterin und über lange Jahre das Aushängeschild des deutschen Frauenfußballs hat zwar mit einer beeindruckenden Pressekonferenz auf die mediale Kritik gekontert, mit ihrer Wortwahl aber den tiefen Spalt im Team offenbart: „Ich habe mich fit gefühlt, ich hätte gerne gespielt, die Trainerin hat anders entschieden. Das akzeptiere ich.“, sagte sie über Neid, die keinen Ersatz für Prinz fand und ein Team ohne formstarke Spielmacherin ohne Ideen und Kreativität zur der WM brachte. Die bekannte Leichtigkeit war weg, der Druck („Dritte Plätze sind was für Männer“ ARD / ZDF-Werbekampagne) zu hoch.

Zu früh zu gut?

Die deutsche Mannschaft hätte nicht gegen Japan ausscheiden müssen. Sie ist aber ausgeschieden. Die Gründe dafür lagen nicht nur auf dem Rasen des Wolfsburger WM-Stadions, sondern auch in der Turniervorbereitung. Die Bilanz nach zehn Wochen Vorbereitung mit sieben unterschiedlichen Schwerpunktlehrgängen und den Testspielen gegen Italien, Nordkorea, die Niederlande und Norwegen ist eindeutig: 4 Siege und 15 zu 0 Tore. Vom funktionierenden Spielsystem in der Vorbereitung war bei der WM nichts mehr zu sehen. Silvia Neid muss sich die Frage gefallen lassen, ob die DFB-Frauen zu früh zu gut waren und die Form nicht halten konnten. Sie ist die Bundestrainerin und trägt die Verantwortung.

4 Kommentare

  1. daniel mack says:

    @matti merker: im text „goldklasse“ geht es um gesellschaftliche stimmungen, um atmosphären und um die forderung nach einer besseren vermarktung des liga-alltages im
    tv.

    der oben stehende text ist ein sportkommentar, also etwas ganz anderes. es geht nicht um stimmungen, atmosphären und gesellschaftliche aspekte, sondern um taktik, planung und strategie. ein ganz anderes thema.

    bitte keine äpfel mit birnen vergleichen!

    ob ich mich selbst „zu früh gefreut“ habe spielt dabei keine rolle. ich bin kein fan mit augenmaß sondern mit herz. emotionen und enttäuschungen gehören im sport dazu.

  2. Matti Merker says:

    Lieber Daniel,

    in deinem Artikel „Aus im WM-Viertelfinale: Zu viel, zu früh zu gut“ beschreibst du zum Teil auch dein eigenes Verhalten. So hast du dich selber „zu viel, zu früh“ gefreut, was du durch deine weiteren Beiträge „Frauen-WM 2011: Das größte Familienfest der Welt“ & „Goldklasse: Der Frauenfußball auf dem Weg an die Spitze“ eindrucksvoll belegst.

    Trotz aller Euphorie, solltest du somit auch dein eigenes Verhalten/Auftreten hinterfragen und reflektieren. „Schließlich ist Fußball immer ein überschaubares Drama mit offenem Ende.“ (vgl. Helmut Markwort)

    Viele Grüße Matti

  3. Kritiker says:

    Erst loben sie den Frauenfußball, dann kritisieren sie ihn. Was wollen sie eigentlich?

  4. Benno says:

    Kann ich absolut zustimmen. Frau Neid muss sich einige Fragen stellen lassen und sollte sie beantworten…

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