Der deutsche Fußball auf Twitter: Einbahnstraße und Maulkorb?

7.196 Tweets pro Sekunde. Das ist die Zahl mit der während dem Finale der Frauen-WM zwischen Japan und den USA am 17. Juli 2011 der der Rekord für die meisten Twitter-Botschaften pro Sekunde (TPS) gebrochen wurde. Auch Präsident Barack Obama (@barackobama) machte mit.

An diesem Wochenende ist die Bundesligasaison 2011/12 der Herren gestartet. #bvb, #schalke oder #fcb sind Trendic Topics. Der Fußball ist ein großes Thema auf Twitter. Viele Fans tragen das Logo ihres Lieblingsvereins im Profilbild, kommentieren Spielszenen, Fehlentscheidungen, Tore und Gegentore. Was twittern die Vereine und Spieler? Berichten sie vom Training, von Vorbereitungsspielen, interagieren sie mit den Fans und haben sie die Sommerpause genutzt, um ihre Social Media Aktivitäten auf den aktuellen Stand zu bringen?

Haben sie nicht! Die komplette Bundesliga, Spieler und Clubs, hat diesen Trend verschlafen. Rekordmeister Bayern München (@fcbayern_news) hat lediglich einen Feed, also einen Benachrichtigungsdienst, der auf neue Beiträge auf der Homepage aufmerksam macht. Meister Borussia Dortmund (@bvb09) und der Hamburger SV (@hsv) informieren ihre Anhänger zwar mit Bildern aus der Vorbereitung und versuchen einen Einblick in den Ligaalltag zu gewähren. Ein Dialog mit den Fans findet allerdings nicht statt. Twittern mit Konzept? Fehlanzeige. Der deutsche Fußball gibt ein ziemlich unprofessionelles Bild ab.

Es scheint, als könnten die Marketing- und Managementberater der Bundesligisten mit dem Wort “twittern” nicht viel anfangen. Angesichts des Wahns im deutschen Fußball, Interviews vor der Veröffentlichung auf Silbe und Komma zu prüfen, würde es aber auch nicht überraschen, wenn Clubs ihren Spielern strenge Auflagen machen anstatt Twitter als Bindeglied zwischen Anhängerschaft und Stars als Dialogplattform zu nutzen.

Während sich die Bundesligaprofis mit ihren Homepages in Glanz und Design zu übertrumpfen versuchen, hat sich im europäischen Fußball eine eine direktere Variante der Kommunikation durchgesetzt, die auf Schnelligkeit und Nähe zum Fan setzt. “Ich bin jetzt ein City-Spieler”, schrieb der argentinische Nationalspieler Sergio Agüero (@aguerosergiokun), in der Nacht zum Donnerstag nach seinem Medizincheck, noch bevor das Management aus Manchester den 45-Millionen-Euro-Transfer bestätigte. Mit Twitter bekommen Sportler Medien in die Hand, die sie selbst lenken können. Egal ob die ManU-Stars Wayne Rooney (@waynerooney) und Rio Ferdinand (@rioferdy5), die Özil-Teamkollegen Christiano Ronaldo (@cristiano) und Kaká (@kaka), Barcelona-Kapitän Carles Puyol (@carles5puyol), Arsenal-Spielmacher Cesc Fabregas (@cesc4official) oder Oranje-Spieler Robin van Persie (@persie_official) und Wesley Sneijder (@sneijder101010). Viele Fußballstars twittern regelmäßig und abwechslungsreich aus ihrem Privat- und Sportleben.

Wie gerne würden die deutsche Fans lesen, wie die DFB-Kicker ihre Freizeit während Länderspielreisen verbringen, wer die teaminternen Playstation-Duelle gewinnt oder welchen Trick man selbst einmal auf dem Trainingsplatz ausprobieren kann. Die Accounts von Lukas Podolski (@podolski10) und Per Mertesacker (@mertesacker29) werden jedoch, mit mäßigem Erfolg, nur von Agenturen verwaltet. Das ist ziemlich unsexy und langweilig. Fans erwarten Ehrlichkeit und keine gefälschte Kommunikation.

Dabei hat Twitter im Profisport eine Dimension erreicht, mit denen die klassischen Medien nicht mithalten können. Sportstars, die sich sonst eher als Spielball der Medien sehen, können nun die Macht fester in den Händen halten. Sowohl zu seiner aktiven Zeit, als auch jetzt, ein perfektes PR-Instrument für den mehrmaligen Tour-Sieger Lance Armstrong (@lancearmstrong), der mit Nachrichten aus dem Alltag von seiner zweifelhaften Vergangenheit ablenken kann und zeitweise nur über Twitter kommunizierte. Der spanische Weltmeister Gerard Piqué (@3gerardpique) vom FC Barcelona beendete so die Jagd der Paparazzi auf sein Liebesleben und twitterte selbst das Urlaubsbild mit Freundin und Popstar Shakira (@shakira) ins Netz.

Auch die meisten US-Sportler, z.B. die Basketballer Shaquille O‘Neil (@shaq) und LeBron James (@kingjames), die Tennis-Spieler Serena Williams (@serenawilliams) und Andy Roddick (@ Top-Golfer Tiger Woods (@tigerwoods) und der 14-malige Olympiasieger Michael Phelps (@michaelphelps) pflegen ihren Twitter-Account und nutzen die 140 Zeichen als weiteren Kanal um mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Absolut vorbildlich in Sachen Informationsgehalt, Qualität und Quantität sind die Vize-Weltmeisterinnen der US-Girls. Sie schreiben mit Begeisterung, fassen Emotionen in Worte und suchen den Kontakt mit ihren Fans. Mit Hope Solo (@hopesolo), Alexandra Krieger (@alexbkrieger), Christie Rampone (@christierampone), Tobin Heath (@tobinheath), Lori Lindsey (@lorilindsey6), Carli Lloyd (@carlilloyd), Kelley O‘Hara (@kohara19), Heather O‘Reilly (@heatheroreilly), Megan Rapinoe (@mpinoe), Alex Morgan (@alexmorgan13) und Abby Wambach (@abbywambach) könnte Pia Sundhage, Trainerin der US-Girls, ein komplettes Twitter-Team aufstellen.

We r world champs babyyy. Absolutely amazing. Tanks to all mavs fans across the world. This one is for you guys. Flyin bak home now. Cheers“ schrieb Basketball-Champ Dirk Nowitzki (@swish41) nach dem Sieg der NBA-Meisterschaft mit seinen Dallas Mavericks. Auf die Frage eines Fans, was die Kanzlerin zu Nowitzkis Titelgewinn sage, antwortete Regierungssprecher Steffen Seibert (@regsprecher) an den Fragesteller und Nowitzki „Die Kanzlerin hat Dirk Nowitzki während der ganzen Finalserie die Daumen gedrückt und gratuliert jetzt sehr herzlich.“, und zeigt einmal mehr, wie vielfältig, direkt, offen und schnell die Kommunikation via Twitter sein kann.

Twitter macht Sportler menschlicher. Eine begeisterte Nachricht nach einem Sieg oder ein nachdenklicher Tweet nach einer Niederlage, kann Nähe zwischen Spielern und Fans schaffen, auch wenn es nur 140 Zeichen sind. Die Kurzbotschaften unterscheiden sich dabei angenehm von den glatten und auswendig gelernten Statements vor den TV-Kameras oder den langweiligen Presseerklärungen der Vereine. Wenn sich Ex-Tennisprofi Boris Becker (@becker_boris) auf Twitter über tolles Wetter und einen schönen Strand freut und ein Bild sendet, auf dem seine Frau mit einer Flasche Wein und Zigaretten zu sehen ist, wird auch dem letzten klar:

Irgendwie sind sie doch alle wie wir.

33 Kommentare

  1. Ophelia says:

    Lewis Holtby (@LewisHoltby) hat es verstanden!

  2. Sven Weimer (sat.1) says:

    Hallo Herr Mack,
    habe Ihnen eine Mail geschickt. Wäre dankbar, sie melden sich bei mir.

    Beste Grüße

  3. Dennis Bachner says:

    Immerhin gibt es schon mal die Accounts. Sie machen es halt noch nicht richtig. Warum? Schau dir mal die Leute an die da sitzen und die Arbeit machen? Die sind doch total überfordert!

  4. Andy Leibholz says:

    Schöne Analyse. Das mit den sterilen Presseerklärungen stimmt. Aber ist das nicht bei anderen Vereinen auch so oder kommuniziert man heute noch so? Bei Armstrong habe ich auch beobachtet, dass seine Twittermeldungen von Agenturen übernommen werden. Mittlerweile wittert ja das gesamte Feld der Tour de France. Vielleicht ist der Fußball in Deutschland einfach etwas langsamer oder die Journalisten arbeiten hier anders und Berater empfehlen es den Spielern nicht zu tun? Die Statements von einigen Spielern auf Facebook sind ja auch nicht von ihnen selbst.

    Wäre schön, wenn das einige Manager lesen würden.

    Gibt es einen RSS Feed zu der Seite?

  5. Rasenschachspieler says:

    Guter Beitrag, Herr Mack. Sie beschreiben sehr gut wie es sein könnte und wie es ist. Kaum ein Verein beschäftigt sich intensiver mit dem Internet und neuen Vermarktungsmöglichkeiten.

    Und klar wäre es doch toll für die Fans. Wer selbst wittert followt doch auch irgendwelche Politiker oder Stars oder Journalisten. Warum nicht auch einen Fußballer? Die Tweeds von Rooney, Kaka oder Ronaldo sind durchaus unterhaltsam und informativ.

    Der Deutsche Fußball muss aufholen. Herr Mack hat recht!

  6. SPD'ler says:

    Warum schreibt ein Politiker sowas? Ist die Schuldenkrise in den USA nicht wichtiger?

  7. Bürschenschaftler says:

    Manuel Neuer sollte das doch machen. Vielleicht muss es nur mal einer geschickt rüber bringen!

  8. Pirat says:

    Warum geht es auf einer GRÜNEN Seite um Fußball? Versteh ich nicht…

    • daniel mack says:

      das ist keine “grüne seite” sondern meine seite. hier geht es neben politik (ich mache keine parteipolitik, sondern nach überzeugung) auch um kommunikation und gesellschaft.

      gruß
      daniel

  9. seppl says:

    cooler beitrag. endlich versteht mal jemand das internet und fussball und hAt nicht so eine nerd sichtweise!

  10. FCB-GIRL says:

    Gute Frage. Vielleicht sollte es den Spielern gesagt werden!? Müssen die spanischen Spieler das machen oder machen die das freiwillig?

  11. Lisa says:

    Also das mit den US-Frauen wusste ich nicht. Das ist ja krass. Und ordentlich Follower haben sie auch. Respekt. Da muss dann aber doch eine Agentur dahinter stecken?

    • daniel mack says:

      die anzahl der follower lässt nicht auf eine Agentur schließen. im gegenteil: twittert eine agentur für einen sportler, sind die tweets uninteressanter, die anzahl der interessierten (follower) somit auch geringer. es macht aber durchaus sinn in bestimmten – kenntlich gemachten – situationen (gerade bei individualsportlern) von einer agentur oder einem berater unterstützt zu werden.

      gruß
      daniel

  12. sleepsurfer says:

    Ok, aber warum loben sie Boris Becker? Ist das nicht peinlich, was der so schreibt…

    • daniel mack says:

      boris becker (@becker_boris) twittert sicherlich sehr eigensinnig, dafür aber auch sehr authentisch. welche großartigen informationen, außer ein paar strandbildern, sollte ein ex-tennisstar auch haben?

      gruß
      daniel

  13. W. Breier says:

    Formulieren sie ihren Beitrag mal in einen Brief um und schicken sie ihn an alle Vereine. Vielleicht braucht es Texte wie ihre, um die Liga wachzurütteln?

    MFG

    Wolfgang Breier

  14. Matthias says:

    Podolski twittert nicht selbst? Mal ehrlich; Würde das irgendwer lesen wollen? – Lahm und Schweinsteiger? Zwei langweilige Typen vom FC Bayern. Wer will lesen, was die so machen?
    Müssen wir, Herr Mack, nicht einsehen, dass Deutsche Sportler (Nowitzki ausgenommen) einfach nur langweilig sind und sich kaum jemand für ihr Leben außerhalb der Stadien interessiert?

    • daniel mack says:

      deutsche sportler sind auf keinen fall langweilig. das beste beispiel ist doch dirk nowitzki oder das tennis-trio petkovic, lisiki und görges. geschliffene und weichgespülte statements der pressestellen sorgen nun mal nicht für interessante meldungen. bin mir auch nicht sicher, ob diese art der pr noch zeitgemäß ist…

      gruß
      daniel

  15. Sabine Merten says:

    Toller Text. Auch schön, wie sie den Frauenfußball einbeziehen. Ich freue mich sehr auf Frau Krieger in Frankfurt. Mit 30.000 Followern hat sie ja auch sehr viele und kann den Kollegen bei der Eintracht mal zeigen wie das so geht.

    Sabine Merten

    • daniel mack says:

      ja, der 1. ffc frankfurt wird mit einem starken team in die neue Saison der frauen-bundesliga gehen. vielleicht kann alex Krieger ja die ein oder andere teamkollegin überzeugen. :)

      gruß
      daniel

  16. Bayern-Fan says:

    hab mich schon zuerst gefragt, was die liga auf twitter soll. macht aber schon sinn und ist wohl eine gute möglichkeit. kann ich mir aber bei gomez und schweini gar nicht so richtig vorstellen.

    versuchen sollte man es aber mal!

  17. Kritiker says:

    Achja und die US-Sportler waren halt schon immer etwas cooler…

  18. Kritiker says:

    Wundert das bei dem DFB und der DFL und den Leuten in den Vereinen? Mag sein, dass die Bundesliga eine hohe Qualität hat. Die Vermarktung ist mangelhaft. Hohe Sponsorengelder gibts nur, weil die Unternehmen sich drum reißen. Ist halt der Volkssport!

    Nachsitzen, Hoeneß, Alofs und Preetz sowie Bierhoff!

  19. Bastian Schellberger says:

    Liegt es am Fußball oder liegt es an den Persönlichkeiten oder ist es typisch Deutsch? Typisch Deutsch ist es nicht! Nowitzki macht es, Petkovic, Lisicki und Görges machen es. Ich vermute Mack hat recht und es gibt ein Verbot der Vereine. Warum sollten Spieler wie Schweinsteiger oder Lahm das nicht machen? Sie könnten ihre Fans direkt erreichen, neue Fans bekommen und die Sponsoren würden sich vermutlich auch freuen. Es ist wohl doch so, dass Leute wie Hoeneß, Rummenigge und all die anderen verkalkten Manger es ihren Spielern verbieten und kein Interesse daran haben.

    Ziemlich langweilig, die Liga im Netz.

    Toller Beitrag, Herr Mack!

    Gruß

    Bastian Schellberger

  20. S4H76 says:

    Ziemlich peinlich die Bayern & Co. Vielleicht sollten sie denen mal erklären, was die verpassen…

  21. Dietmar Reinhard says:

    Ihre Sportartikel gefallen mir sehr. Echt schön, dass mal jemand Twitter und Fußball verbindet und zeigt wie es sein könnte. Aber twittert der DFB für die Nationalmannschaft nicht gut? Dort bekommt man vor Anpfiff immer die Startaufstellung und ein paar Bilder.

    • daniel mack says:

      stimmt. bilder & startelf sind ein netter service. interessanter wäre aber das eingehen auf statements von fans, das beantworten von fragen. twitter ist nicht one-way, sondern hin & her, laut & leise.

  22. Silke says:

    Ich hoffe die Leute in den Vereinen lesen das. Sie haben ja viele gute Beispiele aufgeführt. Es gibt ja schon eine Menge bekannter Spieler in Deutschland. Vielleicht gibt es aber auch Verbote in den Vereinen?

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