Euro 2012: Menschenrechte und Fair Play auch neben dem Platz

Ein fröhliches und unbeschwertes Sportfest sollte die Europameisterschaft in der Ukraine und Polen werden. Doch die politischen und gesellschaftlichen Zustände in der Ukraine überschatten das Großereignis. Menschenrechtsverletzungen, unzureichende und chaotische Organisation und brutale Massentötung von Tieren – nach Sommermärchen klingt das jedenfalls nicht.

Schon bei der Entscheidung über den Ort der EM-Austragung 2007 war das Risiko einer Vergabe an die Ukraine bekannt. Natürlich muss eine EM nicht immer in den fortschrittlichsten Ländern stattfinden, schließlich kann solch ein Großereignis eine enorme Chance für die Entwicklung eines Landes sein. Die Ukraine hat diese Chance vertan. Der politische Wind hat sich gedreht, die Zustände im Land haben sich massiv verschlechtert.

Seit seiner Wahl 2010 zeigt der Regierungsstil des Präsidenten Viktor Janukowitsch Züge eines diktatorischen Regimes: Stetige Beschneidung und Unterhöhlung der Meinungs- und Pressefreiheit sowie grobe Verletzungen der Menschenrechte. Die Anzahl politischer Gefangener ist durch bloße Schauprozesse gegen die Opposition dramatisch gestiegen, darunter als eine der prominentesten Inhaftierten Julija Timoschenko. Mittlerweile befindet sich die schwer erkrankte ehemalige Regierungschefin im Hungerstreik, da sie statt angemessener medizinischer Behandlung Misshandlungen erfahren hat.

Politiker müssen Farbe bekennen

Durch diese Vorgänge ist die EM längst kein reines Sportereignis mehr, sondern ein Politikum. Die europäische Union und die Bundesregierung müssen den politischen Druck auf das Regime Janukowitsch erhöhen. Ausdrücklich begrüße ich die klare Position unseres Bundespräsidenten Joachim Gauck, der einen geplanten Besuch in der Ukraine aufgrund der beschämenden politischen Situation abgesagt hatte. Auch andere Politiker müssen so deutlich Farbe bekennen. Anstandsbesuche bei Timoschenko im Gefängnis kann dafür nicht ausreichen. Zumindest diese letzten Tage vor der EM müssen genutzt werden, um Verbesserungen zu erzwingen. Der Druck auf den Präsidenten muss deutlich erhöht werden. Janukowitsch kann kein Interesse daran haben, dass weiter Politikerinnen und Politiker dem Beispiel unserer Bundespräsidenten Gauck folgen und er beim Finale am 1. Juli vereinsamt auf der Tribüne sitzt.

Ein Ziel sollte sein, Julija Timoschenko eine medizinische Behandlung in Berlin zu ermöglichen. Timoschenko muss noch vor Anpfiff des ersten Spieles, am 08. Juni, die Ukraine verlassen dürfen. Auch für die Rechte anderer, nicht so bekannter Oppositionspolitiker müssen sich die EU und die Regierung mit ihrem ganzen Gewicht einsetzen. Es darf kein Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Forderungen bestehen.

UEFA und DFB müssen Stellung beziehen

Jedoch ist nicht nur die politische Ebene in der Verantwortung. Auch UEFA und DFB müssen konkret Stellung beziehen. Dieser moralischen Pflicht entziehen sich die Verbände jedoch bisher. So erklärte der Präsident des europäischen Fußballverbandes (Uefa) Michel Platini in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die Uefa sei keine politische Institution und werde es nie sein. „Dafür ist eine EM immer ein großes europäisches Festival, das Kontakte, den Austausch und Diskussionen auf allen Ebenen fördert“, so der UEFA-Präsident.

Die Uefa ist kein politisches Gremium, allerdings erscheint die Durchführung einer der größten Sportveranstaltungen der Welt unter diesen Umständen unvorstellbar. Eine strikte Trennung von Politik und Sport macht in diesem Fall keinen Sinn, es wäre eine verpasste Chance die undemokratischen und menschenverachtenden Entwicklungen in der Ukraine anzuprangern und ihnen Einhalt zu gebieten. Wegschauen ist nicht möglich. Funktionäre, Sportler und Fans müssen daher gemeinsam gegen die Missstände in der Ukraine eintreten. Es ist notwendig anzuerkennen, dass die EM unter diesen Umständen kein unpolitischer Raum sein kann und konkrete Verbindlichkeiten einzufordern.

Schlampige Organisation in der Ukraine

Auch die Organisation läuft in der Ukraine äußerst schlampig: Es ist nicht ausreichend Infrastruktur vorhanden, um die Gäste aus ganz Europa für die Zeit der EM zu beherbergen. Unglaublich, dass die Regierung Studentenwohnheime zu Unterkünften umfunktioniert. Die Studierenden müssen ihren Wohnraum verlassen – und dabei teilweise noch die Zimmer auf eigene Kosten renovieren oder ihre Miete weiterzahlen. In einigen Fällen dürfen die Studenten bleiben unter der Bedingung unentgeltlich im Rahmen der Versorgung der Gäste zu arbeiten. Dass der studentische Wohnraum auch noch von dem Hannoveraner Reiseveranstalter TUI als Exklusivpartner der Uefa vermietet wird, ist unglaublich.

Zudem haben Hotels inzwischen auch ein Mafiakreisen Aufmerksamkeit erregt. So wurde ein Plattenbau in Kiew mit 400 Zimmern von der Mafia gestürmt. UEFA und TUI versuchten zunächst die Lage zu verharmlosen, es würde sich nur um eine kleine Anzahl problematischer Hotels handeln. Inzwischen werden allerdings einige Hotels vor solchen Übergriffen durch Sicherheitskräfte geschützt, um eine feindliche Übernahme zu verhindern.

Nachdem Platini sein Entsetzen über die enorme Steigerung der Hotelpreise ausgedrückt und die ukrainische Regierung zu Recht zum Handeln aufgefordert hatte, behauptete das Organisationskomitee man habe alles im Griff. Es würden genug bezahlbare Zimmer in unterschiedlichen Preiskategorien zur Verfügung stehen. Angesichts der dargestellten Vorgänge kann diese Darstellung nicht der Wahrheit entsprechen. Solche Zustände sind bei einem gesamteuropäischen Großereignis nicht hinnehmbar. TUI ist dringend gefordert sich als Exklusivpartner für eine andere Lösung zur Unterkunftsbeschaffung einzusetzen. Jeder Fan sollte sich gut zu überlegen, ob er ein solches Vorgehen unterstützen kann und will.

Nicht nur durch Menschenrechtsverletzungen, auch mit dem Quälen und Töten hunderter halterlose Hunde und Katzen tut sich die Ukraine derzeit hervor. Die Tierrechtsorganisation Peta hat aufgedeckt, dass trotz eines entgegenstehenden Gesetzes streunende Tiere massenhaft erschossen und vergiftet werden.

Hiergegen hat sich rasch ein prominenter Widerstand formiert: Unter anderen die Deutschen Fußballerinnen, Trainer Jürgen Klopp und Ex-Fußballstar Lars Ricken von Borussia Dortmund und Musiker Udo Lindenberg setzen sich für den Schutz der Tiere ein. Es werden auch online Unterschriften gesammelt für eine Petition an die ukrainische Regierung, die UEFA, den DFB und die Sponsoren der Europameisterschaft.

Euro 2012 notfalls in Polen und Deutschland?

Es muss eine breite gesellschaftliche Bewegung, sowohl in der Politik als auch in den Reihen der Sportfunktionäre und Fans, geben. Wir alle dürfen unsere Augen nicht verschließen. Es geht um mehr als nur den Gewinn des EM-Titels. Es ist zu viel Toleranz fehl auf dem Platz und der ist viel größer als ein Fußballfeld.

Falls alle weiteren Bemühungen scheitern, den Präsidenten zu einer Kursänderung zu bewegen, müsste auch darüber nachgedacht werden die EM zu verlegen. Vorstellbar wäre, sie in Polen und dem angrenzenden Deutschland (Berlin und Leipzig) durchzuführen – schließlich ist hier die Infrastruktur von der Ausrichtung der WM noch vorhanden.

Update 29. April 2012: „Große zeigen“ Uli Hoeneß in DER SPIEGEL 18/2012

„Die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes sollten bei jeder geeigneten Gelegenheit öffentlich darauf hinweisen, dass die Haftbedingungen von Frau Timoschenko nicht akzeptabel sind […] Ich hätte Respekt vor jedem Spieler, der öffentlich Stellung zu diesem Thema bezieht. Dazu zwingen würde ich jedoch niemanden. […] Ich hoffe sehr, dass Michel Platini (Präsident der UEFA) an den richtigen Stellen deutlich seine Meinung äußert“, sagte Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern dem SPIEGEL. Starkes Statement!

18 Kommentare

  1. digitalism says:

    sie schreiben texte. schön. andere kommentieren. auch schön. was bedeutet das für sie konkret? was ziehen sie aus den kommentaren. das würde mich viel mehr interessieren als ihre haltung zu frau tymoschenko….

    • Pirat (aus hessen) says:

      Daniel Mack zählt die Kommentare und veröffentlicht die Anzahl. That’s it. Wer glaubt ernsthaft auf seine Politik Einfluss nehmen zu können, irrt sich. Die Positionen von Mack in den Blogtexten sind zu 100% die Linie seiner Fraktion. Er verkauft das geschickt als eigene Meinung, obwohl es nicht so ist.

      Hier geht es darum Kommunikation oder wie Mack sagt „Dialog“ vorzuspielen. Wo bitteschön hat er aufgrund eines Kommentars seine Meinung geändert oder einer neuen Ansicht recht gegeben? Er moderiert ab. Leute wie Schäuble und Brüderle machen das in Gremien, Mack macht es im Internet. Das soll neu sein?

      @Daniel Mack: Wetten, der Kommentar wird zensiert, da nicht den „Regeln“ entsprechend?

      • Daniel Mack says:

        Hallo,
        der Kommentar entspricht auch nicht den Kommentarregeln, er ist nämlich „Off-Topic“. Richtig, ich möchte einen Dialog führen. Dialog heisst auf die Fragen und Kommentare anderer zu reagieren, aber nicht ihre Meinung zu übernehmen oder meine Meinung aufgrund dessen zu ändern.

        Ja, die Positionen in meinen Blogtexten entsprechen der „Linie der Fraktion“. Das zeigt, dass ich mit meiner Meinung in der richtigen Fraktion bin. Politik ist Teamwork. Teamwork heisst nicht, dass man sich ständig zwischen die Beine grätscht.

        Viele Grüße,
        Daniel

  2. Reinhard says:

    Ganz persönlich gefragt: reisen Sie zu der EM in die Ukraine? Meistens haben Politiker ja den großen Mund aber nicht die großen Taten und finden dann windige Ausreden. Ich fände es schön, wenn sie mit einem Zeichen voran gehen würden. Stehen Sie auf. Einen gewissen Bekanntheitsgrad haben sie ja. Machen sie das, was sie von anderen erwarten!

    Gruß aus Mörfelden

  3. Elli says:

    Markus hat recht. Die Spieler sind gefragt. Das muss man einfach mal sagen. Herr Löw und seine Männer repräsentieren unser Land. Da muss eine politische Botschaft, die selbstverständlich sein sollte, doch machbar sein!?

  4. markus says:

    Insb. die Spieler müssen Ihre mediale Verantwortung nutzen und die Minuten vor dem Spiel mit Botschaften an die Fernsehwelt nutzen. Eine spontane Boykottaktion der ersten 30 sekunden aller Vorrundenspiele mit der Forderung gegen die Missstände bis zum Beginn der Endrunde anzugehen, könnte den Aufschrei noch um ein Vielfaches vergrößern.

    • Arno says:

      Ist doch wie bei Schumi. Kein Spieler interessiert sich für des. Wie Herr Mack sagt. Es muss nach Deutschland verlegt werden. Dann organisieren die Polen das mit und.

  5. Noname says:

    Hallo Herr Mack,
    danke für den ausführlichen Kommentar. Legen sie das Augenmerk aber nicht nur auf aktuelle Ereignisse. Thematisieren sie auch Veranstaltungen wie den Eurovision Songkontest in Baku. Ich bitte sie auch dort auf die Unterdrückung von Minderheiten aufmerksam zu machen.

    Grüße

  6. Lisel Wolff says:

    „Menschenrechtsverletzungen, unzureichende und chaotische Organisation und brutale Massentötung von Tieren – nach Sommermärchen klingt das jedenfalls nicht.“

    Das von Ihnen beschriebene Chaos auch nicht. Mein Mann und ich haben gute Hotels in Kiew gebucht. Das ist stumpfe Meinungsmache. Hunde werden auch in Deutschland getötet. Wo ist ihr Aufschrei dagegen?

  7. Isa says:

    Es geht auch um das Leben von Frau Tymoschenko und vielen anderen. Wie kann dort ein Fest gefeiert werden, während Menschen in Gefahr sind. Das ist grausam und abscheulich!

  8. Andrea says:

    Ich bin auch gegen ein fröhliches Fest in einem Unrechtsstaat. Aber gibt es nicht Alternativen zu einer Absage an die Ukraine? Als letzte Möglichkeit ist das aber das richtige Mittel. Finde ihre Sportpolitik interessant.

  9. Grenade says:

    Guter Beitrag!! Ich will als Fan auch nicht dahin fahren!

  10. Alex says:

    Stimme Dir zu. Aber bedenke, dass das Land durch einen Entzug der EM in eine große Krise kommen würde!

  11. Serano says:

    Dann findet die EM in Deutschland statt, ist das besser für die Ukraine? Schaut dann am Ende niemand hin?

    • W. says:

      Soll man Janukowitsch seine Spielchen mit dem Volk auch während des Turniers erdulden müssen. Eine Absage wäre konsequent. Wo sind die Aussagen von Herrn Zwanziger dazu? Sonst ziehen die doch immer die Integrationskarte….

    • Daniel Mack says:

      Sollte sich die Lage in der Ukraine weiter verschärfen, muss zumindest darüber nachgedacht werden. Eine sofortige Verlegung der Spiele in deutsche Stadien zu fordern wäre verantwortungslos.

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