Harald Stenger: „Vielleicht wäre es besser, jemand twittert nicht, schießt dafür regelmäßig Tore“

Screenshot: SPIEGEL ONLINE

Seine DFB-Pressekonferenzen waren Kult. 2001 wechselte Harald Stenger (63) von der Frankfurter Rundschau als Mediendirektor zum Deutschen Fußball Bund. Unter seiner Führung professionalisierte der Verband seine Medienarbeit. Stenger trug vor allem während der Heim-WM 2006 und 2010 in Südafrika maßgeblich dazu bei, Image und Sympathiewerte der Nationalmannschaft zu verbessern. Trotzdem wurde sein 2012 auslaufender Vertrag vom DFB nicht verlängert. 2013 wurde der Frankfurter mit dem Medienpreis HERBERT-Award in der Kategorie Lebensleistung ausgezeichnet. In den kommenden Wochen wird Stenger für SPIEGEL ONLINE von der Fußball WM berichten und in Brasilien vor Ort sein und twittern.

Harald Stenger über digitale Sport-Kommunikation, Spieler auf Twitter und Facebook und kommende Zerreißproben der FIFA.

Hallo Herr Stenger, heute schon ihre Timeline auf Twitter gecheckt?

Ja, gerade eben wieder.

Welche positiven, welche negativen Erfahrungen konnten Sie bisher auf dem 140-Zeichen-Kanal machen?

Ich freue mich erst mal über die positive Resonanz. Das Erreichen der 3000—Follower-Marke werte ich als Erfolg. Inhaltlich ist Twittern für mich weiterhin stärker mediales Entertainement als journalistische Wertarbeit. Aber natürlich kann man auch schnell Information und Meinung transportieren.

Ich twittere unter @studiostenger, um mich inhaltlich zu positionieren, durch Kommentierungen und Hintergründigem.

Sie begleiten die WM als Experte für SPIEGEL ONLINE. Welche Chancen für den Fußball sehen Sie in der Netz-Kommunikation während des Turniers in Brasilien? 

Das ist kurz und knapp zu beantworten: Nicht nur durch den Zeitunterschied zwischen Brasilien und Deutschland ist die Netz-Kommunikation ein attraktives und hochaktuelles Angebot – für jung und alt.

Wird es Sie während der WM als Second-Screen-Experten während der Spiele live in 140 Zeichen geben?

Nein, aber ich werde so schnell wie möglich – hoffentlich klappt technisch alles in Brasilien – nach den deutschen Spielen meine Eindrücke twittern. Und dann im studiostenger auf spiegel.de in einem Video-Blog weitere interessante Informationen und Gespräche zu den Spielen liefern.

Braucht ein WM-Spieler heute einen Twitter- und oder Facebook-Profil?

Erst mal braucht er gute Form, um auf dem Platz seine Leistung zu bringen, ein wichtiger Teil des Teams zu sein und damit seinen Anteil am Erfolg beizutragen. Um bei den Fans und auch Sponsoren im Gespräch zu sein, um die eigene Meinung und persönliche Erlebnisse zu transportieren, kann er dann flankierend im Sinne der Imagebildung auf Facebook und Twitter aktiv sein.

Es ist aus meiner Sicht ein „nice to have“, aber kein unbedingtes Muss. Provozierend stelle ich fest: Vielleicht wäre es besser, jemand twittert nicht, schießt dafür regelmäßig Tore und überzeugt mit einer kontinuierlich starken Leistung.

Das ist für die Fans das eigentliche Nonplusultra und dies werden sie enthusiastisch honorieren, ohne dass zusätzliche PR-Arbeit nötig ist – so reizvoll für die Fans auch die Botschaften ihrer Stars in den social media-Kanälen sind. .

Nicht mal jeder zweite Brasilianer steht der WM positiv gegenüber. Die Bürger fordern Krankenhäuser statt Fußball-Turnier. Hat die FIFA die Situation unterschätzt?

Die FIFA kann schon die globalen Zusammenhänge gut einschätzen. Aber sie spielt natürlich ihr eigenes Spiel. Die Darstellung der FIFA- Werte und -Ziele wird immer suggerieren, dass die WM für das Gastgeber-Land ein Segen ist und die Bevölkerung von dem Turnier in vielfältiger Weise profitiert.

Bild: Thomas Holbach [CC-BY-SA-3.0]

Bild: Thomas Holbach [CC-BY-SA-3.0]

Natürlich zieht das Fußball-Fest Millionen Fans in seinen Bann. Aber gerade Brasilien zeigt, dass die Menschen auch hinter die Kulissen blicken und sich nicht von oberflächlichen bzw. falschen Argumenten abspeisen lassen wollten. Ich habe ja neulich in einem Tweet auf ein FAZ-Interview meines Freundes Cacau hingewiesen. Darin ist alles gesagt zu den politischen und gesellschaftlichen Ungereimtheiten in Brasilien in Zusammenhang mit der WM.

Ich teile seine Meinung und hoffe gleichzeitig wie er, dass alle Demonstrationen friedlich verlaufen, wenn die Brasilianer zu Recht auf aktuelle Missstände, gebrochene Versprechungen der Regierung und eskalierende Nöte im Land hinweisen.

Haben Sie Angst vor der WM?

Nein. Ich denke, dass wir als Journalisten in den Stadien und rund um die Quartiere der 32 Nationalmannschaften in einem Sicherheitsbereich arbeiten, in dem es zu keinen Ausschreitungen kommt.

Wenn wir durch die Städte schlendern, werden wir wie jeder Tourist in Brasilien genauso gefährdet sein wie in anderen Ländern dieser Art. Gleichzeitig erwarte ich, dass ausländische Gäste nicht das Ziel von politischen Unmutskundgebungen der einheimischen Bevölkerung sein werden. Vielmehr werden sie die Brasilianer gastfreundlich empfangen. Das ist auch das Beste, um sie von ihrer kritischen Meinung zu überzeugen.

Eine Fußballweltmeisterschaft wird offenbar meistbietend verscherbelt. Katar ist ein Glutofen, Menschenrechte gelten dort nicht. Sehen Sie eine Möglichkeit die WM 2022 neu zu vergeben?

Die Diskussion wird nach den ständig neuen Enthüllungen über Bestechungen im Zusammenhang mit großer Gewissheit ein Thema werden. Nach der WM wird da sicher nochmals eine große Grundsatz-Diskussion ausbrechen, bei der WM in Brasilien wird die FIFA das Thema abblocken und trotz aller Schlagzeilen wird es ihr vermutlich gelingen, keine Position beziehen zu müssen.

Wenn all die Skandal-Meldungen aber wirklich stimmen – und vieles spricht dafür, dass sie stimmen -, da wird die FIFA demnächst einige Zerreißproben erleben und wäre gut beraten, die WM neu auszuschreiben. Es ist ja noch genügend Zeit bis 2022.

Millionen Menschen engagieren sich weltweit ehrenamtlich für den Fußball. Braucht es eine Revolution von unten oder wie kann die FIFA reformiert werden?

Die FIFA hat ja unter anderem durch das Engagement des ehemaligen DFB-Präsidenten Dr. Theo Zwanziger einige Reformschritte hingelegt. Das kann natürlich nur ein Anfang sein. Die Grundsatzfrage, ob das System Blatter wirklich aus Überzeugung zu einer echten Reform bereit ist oder ob das nur Lippenbekenntnisse sind, um an der Macht zu bleiben, muss jeder für sich selbst beantworten.

Die FIFA-Granden haben viel Glaubwürdigkeit verloren. Ich bin mir nicht sicher, ob Blatter nach seiner wahrscheinlichen Wiederwahl im kommenden Jahr wirklich den Reformkurs ohne Wenn und Aber konsequent fortsetzt. Der globale Druck wird wachsen, aber Sepp Blatter hat schon oft bewiesen, dass er als cleverer Taktiker manchen Haken schlagen kann.

Zum Schluss: Ihr Tipp für Brasilien? Wer wird Weltmeister?

Mein großer Titelfavorit ist Brasilien.

Und Deutschland?

Ich habe mich auf den Tipp festgelegt, dass Deutschland wie bei der WM 2002, 2006 und 2010 erneut mindestens im Halbfinale steht. Die besten Aussichten haben aus meiner Sicht noch Argentinien, Italien und Spanien, also die üblichen Verdächtigen.

Vielen Dank Herr Stenger. Viel Erfolg und eine gute Zeit in Brasilien.

4 Kommentare

  1. Michael says:

    Wie kommst Du eigentlich an die ganzen Hochkaräter???

  2. Ben says:

    Wieder mal ein spannendes Gespräch. Bisschen schade, dass es keine Aussagen zur Nationalelf gibt. Wäre ja spannen, wie Stenger das Treiben dort bewertet!

  3. Jakob says:

    Harald Stenger ist einfach geil. Ich habe ihn schon bei den PKs geliebt. Schade, dass der Fußball nur noch wenige solcher Typen hat…

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