Schweizer Nationalrat Bastien Girod: Glücksmaximierung mit Elektro-Porsche

Bastien Girod, für den der ökologische Umbau der Wirtschaft höchste Priorität hat, räumt im Interview mir mir mit unberechtigten grünen Klischees auf, ist konsumkritisch aber nicht lustfeindlich, kommuniziert online und offline mit Bürgern und kandidiert bei den Schweizer Nationalratswahlen am 23. Oktober 2011 nach 2007 zum zweiten Mal für die Züricher Grünen. Neben der Politik forschte der 30-jährige Umweltwissenschaftler an der Universität in Utrecht (NL), kehrte aber im August in die Schweiz an die ETH Zürich zurück, „weil zu viel pendeln nicht glücklich macht“, wie er in seinem Buch „Green Change – Strategien zur Glücksmaximierung“ schrieb.

Homepage: bastiengirod.chTwitter: @bastiengirod

Hi Bastien, „Glücksmaximierung“ heisst dein Buch. Gibt es ein Rezept um glücklich zu werden?

Es gibt sicher verschiedene Rezepte um „glücklicher“ zu werden. Um wirklich glücklich zu werden muss man sich aber aus diesen vielen Rezepten sowie etwas Lebenserfahrungen sein persönliches Rezept zusammen setzen.

In deinem Buch schreibst Du „Alles was wir tun, ist okay, wenn es nachhaltig ist und glücklich macht. “ Könnte auch ein Werbespruch für den neuen Elektro Boxter von Porsche sein, oder?

Wenn der Elektro Porsche mit erneuerbarem und umweltverträglichem Strom betrieben wird und nicht übermässig oft verwendet, sehe ich in der Tat kein Widerspruch zur Glücksmaximierung. Das zeigt, dass die Glücksmaximierung mit unberechtigten grünen Klischees aufräumt.

Klare Aussage, die einige von einem Grünen so nicht erwarten würde, ich aber nicht anders tätigen würde. Mit der Headline „Girod für Ökostrom-Roadster“ könntest Du gut leben?

Ja, ich bin ja auch schon mit einem solar betriebenen Tesla von Zürich nach Bern geflitzt um E-Mobility zu pushen und das führt in der Tat zur Schlagzeile „Im Flitzer zur Session“. Wenn wir eine Mehrheit der Bevölkerung für den ökologischen Wandel überzeugen wollen – und das ist nun mal der demokratische Weg – muss grüne Politik zwar konsumkritisch aber nicht lustfeindlich sein.

Die Debatte um die Energiewende und den ökologischen Umbau beschäftigt Europa ebenso wie die Finanzkrise. Kann der Staat bei seinen Entscheidungen das Glück der Bürger beeinflussen?

Wohlstand, Arbeitslosigkeit, erholsame Umwelt, Schutz der Gesundheit, Stabilität, Gerechtigkeit, das sind alles Faktoren welche für das Glück der Menschen nachweislich sehr wichtig sind und gleichzeitig stark von der Politik bzw. dem Staat bestimmt werden.

Macht Geld überhaupt glücklich?

In sehr armen Länder trägt materieller Wohlstand zu einem höheren Wohlbefinden bei. Ab einem Einkommen von ca. 20‘000 Euro pro Jahr macht mehr Geld eine Gesellschaft nicht glücklicher. Aber den Einzelnen macht mehr Geld zu haben als der Nachbar oder der Kollege auch in reichen Länder glücklicher, deshalb wollen alle mehr Geld, obwohl es auf der Ebene der Gesellschaft ein Nullsummenspiel ist.

Wird die Bedeutung des Geldes von andere Faktoren abgelöst?

Auch wenn wir eine Finanzkrise haben: OECD Länder leiden heute nicht mehr unter Geldmangel sondern eher unter einem Mangel an Zeit, intakte Natur, soziale Netzwerke, Stabilität oder Selbstbestimmung. Diese Faktoren werden in Zukunft sicher immer mehr Gewicht bekommen, weil die Leute – wenn auch langsam – lernen werden, dass die reine Einkommensmaximierung nicht glücklich macht.

Nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Glück „ein Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden“. Das klingt mehr nach bedingungslosem Grundeinkommen als nach der Energiewende. Was ist der „Green Change“ bei der Glücksmaximierung?

Dass eine Umweltkatastrophe „ein Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden“ massiv gefährdet ist jedenfalls viel klarer als dass ein Grundeinkommen einen solchen Zustand ermöglicht. Deshalb ist auch die Finanzierung des ökologischen Umbaus der Wirtschaft wichtiger, als jene des Grundeinkommens. Die Glücksmaximierung verlangt ja auch eine Priorisierung der Unglücksminimierung und damit der Verhinderung von Krisen und Katastrophen.

Du würdest Dich also gegen ein Bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von 20.000 Euro jährlich / ca. 1600 Euro monatlich aussprechen?

Ich bin für eine soziale Grundsicherung. Ich lehne es jedoch ab, dass nicht mehr versucht wird arbeitsfähige Menschen in den Arbeitsalltag zu integrieren. Viele Arbeitslose und Sozialhilfeempfänge leider stärker unter der fehlenden Arbeit als dem fehlenden Einkommen. Hier kann ein bedingungsloses Grundeinkommen zu einem Anreiz zur Desintegration führen. Ich lehne auch den kompletten Ersatz aller Sozialversicherungen wie die Arbeitslosenkasse oder Invalidenversicherung ab. Diese Sozialversicherungen orientieren sich am Ausgangslohn, welcher deutlich über 1600 Euro pro Monat sein kann, welcher für die Einkommensstabilität entscheidend ist.

Kann man Glück verordnen?

Nein. Und das verlange ich auch nicht. Wenn die Politik Rahmenbedingungen schafft damit jeder glücklich werden kann, bleibt es immer noch dem Einzelnen überlassen innerhalb dieser Rahmenbedingung unglücklich zu bleiben und seine Melancholie zu frönen.

Auf dem Weg zum Glück – zum GRÜNEN Wahlerfolg – nutzt Du den Kurznachrichtendienst Twitter und deinen Blog. Geht Politik heute nicht mehr offline?

Ich nutze Twitter, aber nicht so professionell wie du ;-) Auf meinen Blog stelle ich eigentlich nur Texte die auch anderswo publiziert werden. Nur für den Blog zu schreiben war mir immer etwas zu aufwendig. Das ist auch das bestechende an Twitter. Da kann man sich auf eine kurze Botschaft beschränken.

Kann Twitter demnach glücklich machen?

Eine Beschränkung der Optionen auf das wesentliche kann das Leben vereinfachen und so zum Glück beitragen. Das kann mit der sogenannten „Multioptions-Tretmühle“ erklärt werden, wonach mehr Optionen irgendwann nicht glücklicher machen, sondern überfordern, weil die Zeit beschränkt ist und die Opportunitätskosten zunehmen. So bevorzuge ich im Restaurant auch eine Auswahl von etwa vier Menus gegenüber einer Liste von 100 verschiedenen Angeboten.

Wie sind die Reaktionen der Bürger auf diesen offenen Politikstil?

Ich denke von jenen die es nutzen (Facebook-Freunde, Twitter-Follower) wird es sehr geschätzt. Ich bekomme auch viele positive Reaktionen und es entstehen Diskussionen.

Welches sind für politische Akteure Politiker entscheidensten Veränderungen, die sich durch das Social Web ergeben haben?

Es ist heute möglich auch ohne viel Geld in die Hand zu nehmen online sehr präsent zu sein. Der Vorteil sehe ich eigentlich vorallem in einer gewissen Nähe zu den Bürger, ich bin viel direkter ansprechbarer danke den verschiedenen Social Web Plattformen.

Verbessert sich durch die Online-Kommunikation der Dialog mit den Bürgern?

Definitiv. Über Facebook bekomme ich Rückmeldungen, welche ich sonst nur beim Unterschriftensammeln auf der Straße erhalte.

Ich wünsche Dir alles Gute und am 23. Oktober 2011 eine GRÜNE Wahlergebnismaximierung!

18 Kommentare

  1. Seven Wilhelm says:

    Sind Sie ein Fan von Joschka Fischer, Herr Mack?

  2. Beobachterin says:

    Wer Daniel Mack kennt, weiss wie sehr er sich für Schwarz-Grün und Co
    einsetzt. Und das ist auch gut! Wollen die Grünen wirklich mit den
    Wahlverlierern Steinbrück, Steinmeier und Gabriel der SPD
    zusammenarbeiten?
    Herr Girod tätigt Aussagen, die Mitten in der Gesellschaft zu verorten
    sind. Kein Bürger außerhalb der Parteien hat da was dagegen. Warum auch?
    Er wählt eine Balance die verständlich ist und akzeptiert werden kann. Zu
    verständlich für das Parteivolk.
    Die wollen lieber einfache Aussagen, mit denen man möglichst viele sehr
    billig überzeugen kann.

    Sorry, Grüne. Mehr Girod und Mack!

    • Daniel Mack says:

      Bin kein Rot-Grüner und auch kein Schwarz-Grüner. Ich bin bei Bündnis 90 / DIE GRÜNEN. Über Koalitionen wird nach den Wahlen gesprochen, nicht vorher.

      Hier geht es aber um Inhalte und Bastiens Interview. :-)

  3. Anna W. says:

    Ich finds nicht so gut, dass man die Ideale der Grünen mit einem Interview
    über Board wirft. Das ist echt heftig.

  4. Lena says:

    Mir gefällt das Bild mit dem Sportwagen gar nicht. Mit Grüner Politik verbinde ich Fahrräder und nicht diese FDP-Symbolik.

    Hätte gedacht, Herr Mack setzt sich für den ÖPNV im Kreisgebiet ein……

  5. Arif Selcuk says:

    Gäbe es Leute wie Herrn Girod im Deutschen Bundestag, ich würde den Grünen meine Stimme geben!

  6. Susa W. says:

    Mack und Girod sind mir tausend mal lieber als Trittin und Claudia Roth!

    An die Kritiker hier: Wollt ihr den Leuten das Autofahren verbieten, wie Mack nur noch konformes Twittern soll?

    Ich bin von den Grünen maßlos enttäuscht.

    Grüße aus Essen.

  7. Farik76 says:

    So Leute wie Mack und Girod gehören mit ihren Ansichten in die FDP.

  8. Leonard says:

    Hallo Herr Mack,
    sehr spannender Text. Gut für sie, daß sie auch aus dem Ausland Unterstützung für Twitter erfahren.

    Sehen sie das mit den Sportwagen wirklich so? Finden sie Porsche gut?

    • Daniel Mack says:

      Ich bin kein Spaßverbieter. Man wird den Leuten den Porsche nicht gänzlich ausreden können. Energie muss ihren berechtigten Preis haben. Deshalb bin ich auch gegen kostenlosen ÖPNV.

      Wenn Porsche, dann bitte mit Ökostrom und nicht mit hunderten Litern von Benzin.

  9. GNZ-Leser says:

    Können sie die Inhalte des Interviews teilen?

  10. René says:

    Die Ökos wollen wieder mal anderen Vorschreiben, wie wir zu leben haben.

    Gute Nacht Girod & Mack!

  11. Fragesteller says:

    Warum interviewt Herr Mack einen wie Herrn Girod, der in der Schweiz nur als nervig empfunden wird. Hat Herr Metzger auf ihre Anfrage nicht geantwortet?

    • Daniel Mack says:

      Ich unterstütze Bastien Girods GRÜNE Politik, die ich erfischend anders, locker und sehr realitätsnah empfinde. Ich freue mich über ein gutes GRÜNES Ergebnis bei den Schweizer Nationalratswahlen am 23.10.

  12. MKK-GRÜNE says:

    Wir brauchen mehr Aktive mit eigener Meinung. Ich teile Daniels Meinung in diesem Fall nicht. Ist doch super spannend mal ein Interview zu machen und dann noch mit jemand aus der Schweiz.

    Muss man immer alles Verurteilen. Ich stehe auch hinter Daniels Tweets. Krankhaft verbissen ist der Fraktionsvorstand. Wo ist das Problem mit einer eigenen Meinung. Ich kenne keine Meldungen von Daniel über interne Vorgänge.

    Dafür kenne ich Matthias Zach seit Jahren…

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