Yannick Lebherz: „In seinen Bahnen bleiben und keine Geister sehen.“

Die Weltmeisterschaften in Shanghai sind sein großes Ziel vor Olympia 2012 in London. Yannick Lebherz (DSW Darmstadt) ist Deutschlands Top-Schwimmer über 200 Meter Rücken und 400 Meter Lagen. Bis zum 24. Juli bereitete sich der 22-jährige Kurzbahn-Europameister und Deutsche Rekordler im Höhentrainingslager in der spanischen Sierra Nevada vor. Live-Updates aus Shanghai  findet ihr auf Twitter: @yannicklebherz

Du hast dich in der spanischen Sierra Nevada auf Deinen ersten WM-Start am 28. Juli über 200 Meter Rücken vorbereitet. War das Bekämpfung der Nervosität oder noch richtiges Training?

Seit ich bei Jörg Hoffmann in Potsdam trainiere sind Höhentrainingslager ein fester Bestandteil unserer Vorbereitung auf größere Events. Durch die Höhe (2300 Meter) ist die Belastung noch mal deutlich stärker. Das ist auch so gewollt. Auf normaler Höhe ist es dann leichter. Ich hätte auch, wie die anderen Schwimmer, schon 8 Tage vor Wettkampfbeginn nach Shanghai reisen können. Das wäre mir aber etwas zu lange gewesen.

Du bist also in Topform?

Grundsätzlich Ja. Ganz problemlos lief die Vorbereitung allerdings nicht. Nach den normalen Anpassungsschwierigkeiten in den ersten zwei bis drei Tagen habe ich mich am Montag (18.07.) vertreten, wodurch mein rechtes Sprunggelenk beeinträchtigt ist. Ich habe aber sehr flexible Bänder, weshalb glücklicherweise nichts gerissen ist. Die medizinische Versorgung ist wirklich hervorragend, sodass mein WM-Start bei einem weiter so guten Heilungsverlauf definitiv nicht gefährdet ist und ich am Donnerstag über 200m Rücken beschwerdefrei an den Start gehen kann!  Ansonsten sind die vor meinem kleinen Unfall  im Training erzielten Werte  in den wettkampfnahen Belastungen wirklich sehr vielversprechend.

Ist das eine große Umstellung? Die Höhe?

Klar, es ist deutlich schwieriger. Das ist aber auch genau der Effekt, den wir damit erreichen wollen. Alles noch mal eine Stufe schwieriger machen, um es dann in Shanghai so einfach wie möglich zu haben.

Welche Musik hörst Du vor den Wettkämpfen?

Im Gegensatz zu vielen anderen Schwimmern höre ich direkt vor dem Wettkampf keine Musik. Ich konzentriere mich auf meine Vorbereitung und dann auf meine Bahn.

Auf welche Strecke legst Du in Shanghai Deinen Fokus? Eher auf die 400 Meter Lagen oder 200 Meter Rücken? 

Die Konzentration gilt jetzt erst mal den 200 Meter Rücken am Donnerstag (28.07.). Ich möchte jede Strecke so angehen, als wäre es meine einzige Chance. Die 400 Meter Lagen schwimme ich dann am Sonntag. Eventuell kommt noch ein Staffelstart über 4*200m Freistil dazu.

Die Berichterstattung über die WM schießt sich hauptsächlich auf Britta Steffen und Paul Biedermann ein. Wird damit der Druck vom Rest des Teams genommen oder brauchten auch die anderen Schwimmer mehr Aufmerksamkeit?

Klar ziehen die beiden die Medien auf sich. Für viele ist das aber auch ein Schutz. Wenn man gut schwimmt, kann man überraschen.

Wie viel Olympia steckt schon in dieser WM, wie sehr blickst Du in Shanghai schon in Richtung London 2012?

Es ist das letzte große Zusammentreffen vor Olympia. Bei den Wettkämpfen erfährt man, wo man ungefähr in der Welt steht. Wenn eine Platzierung zwischen 6 und 12 dabei rausspringt, dann ist klar, dass man gut dabei ist. Es gehen ja auch schließlich alle Topathleten an den Start.

Die Hightech-Schwimmanzüge sind von der Bildfläche verschwunden. Ist das der richtige Weg?

Ich halte das für eine gute Entscheidung. So stehen die körperlichen Fähigkeiten im Vordergrund und nicht das Material. Ich glaube, dass viele andere Athleten diese Meinung teilen.

Durch das Verbot dieser Anzüge sind bei den Männern neue Weltrekorde Utopie. 

Auf der Kurzbahn (25 Meter) gab es im Dezember schon die ersten Weltrekorde. Auf der langen Bahn kann das, wenn nicht schon bei der WM in Shanghai, im nächsten Jahr der Fall sein. Auf 200 Meter Rücken habe ich noch eine Bestzeit mit dem verbotenen Gummianzug. Ich hoffe mal, dass die nach der WM Geschichte ist.

Ein Nebeneffekt dieser Anzüge war, dass all die Höchstleistungen der letzten Zeit nicht mehr mit Doping in Verbindung gebracht wurden.

Stimmt.

Für Funktionäre, die ihre Events bestmöglich vermarkten wollen, sind gesteigerte Leistungen ja erstmal attraktiv, weil sie verkaufsfördernd wirken. 

Grundsätzlich schon. Wenn es dann allerdings eine Entwicklung wie bei den Weltmeisterschaften 2009 in Rom gibt, muss man sich schon fragen, inwiefern das noch Ernstzunehmen ist. Dort gab es schon im Vorlauf Rekorde und insgesamt dann 40 Weltrekorde. Da muss man sich dann auch fragen, wie viel so ein Rekord noch Wert ist.

Wie schwierig ist es für den Leistungssport insgesamt, dass bekannte Dopingsünder wie Alberto Contador problemlos an einem Megaevent wie der Tour de France teilnehmen können? 

Das ist nicht gut. Wir haben ja auch mit dem Peking-Goldmedaillengewinner Cesar Cielo aus Brasilien unseren prominenten Fall. Dass er jetzt bei der WM trotz positiver Probe starten darf, ist ein sehr schlechtes Zeichen.

Die Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen hat gesagt, dass der Schwimmsport ein Dopingproblem hat. Sie empfahl einen „Chip am Schlüsselbund oder Mobiltelefon“ zur besseren Ortung der Athleten. Was stehst Du dazu?

Es ist vielleicht etwas bequemer als das bestehende System. Das Portal ADAMS ist aus meiner Sicht aber keine schlechte Regelung. Ich muss 3 Monate im Voraus angeben, wo ich mich aufhalten werde. Sollte sich das kurzfristig ändern, habe ich immer noch die Möglichkeit das mitzuteilen. Wird man aber drei Mal nicht angetroffen, gilt das als positive Probe und zieht eine Sperre nach sich.

Einige Verbände lassen Dopingproben kaum oder gar nicht auf, bei Dopern beliebte, Wachstumshormone testen. So kann man negative Schlagzeilen über Dopingfälle vermeiden. Kann, wer nicht richtig sucht, auch nicht viel finden?

Negative Schlagzeilen fallen immer auf die gesamte Sportart zurück. In Deutschland wird aber richtig gesucht. Auf andere Staaten kann man ja nur begrenzt Einfluss nehmen. Grundsätzlich muss man aber an seine eigenen Fähigkeiten glauben und sich keine Gedanken machen, was andere genommen oder nicht genommen haben könnten. Es ist extrem wichtig in seinen Bahnen zu bleiben und keine Geister zu sehen.

Was motiviert Dich das auszuhalten und Leistungssport zu betreiben? 

Ich liebe meine Sportart schon immer. Ich bin Schwimmer durch und durch.

Warum ist Schwimmen so faszinierend?  

Ich finde es super, dass man sich durch eisernes Training steigern kann und etwas bewirken kann. Ich freue mich immer über Verbesserungen im Training.

Und Deine erste Erinnerung mit Wasser?

Ich war früher oft bei meinem Vater beim Training. Ich schwimme einfach schon immer.

Was ist so besonders an Wasser?

Die Bewegung im Wasser ist ganz anders als an Land. Ein stückweit anspruchsvoller als Laufen. Es gibt ja auch Schwimmer, die gegen das Wasser schwimmen. Andere gleiten darauf und nutzen es für sich, obwohl es eigentlich ein Widerstand ist. Das ist das Spannende.

Und die Tiefe des Beckens?

Ist mir ziemlich egal. Die Temperatur ist wichtiger. Ich mag es eher warm als kalt. Schöne 27 Grad sind ideal für mich.

Es gibt also nur warmes und kaltes, aber kein schnelles und langsames Wasser?

Nein. Es kommt eher auf das Becken und die Atmosphäre und die Halle oder das Bad an. Das Berliner Becken ist zum Beispiel sehr besonders. Es gibt auch Hallen, in denen man sich nicht so richtig wohl fühlt. Das Freibad in Darmstadt gefällt mir sehr gut. Das Wasser ist angenehm warm. Die beste Voraussetzung um gute Bahnen zu ziehen.

Kannst Du im Wettkampf wahrnehmen, was am Beckenrand passiert?

Nicht wirklich. Beim Atmen bekomme ich etwas von der Atmosphäre mit. Beim Brustschwimmen hört man, bedingt durch das häufige Auftauchen, ziemlichen Lärm. Ansonsten merkt man auch, wenn die Lautstärke ansteigt.

Welches ist die schönste Phase während des Schwimmens?

Die Letzte Bahn. Jedoch nur wenn man nach einem guten Rennen noch die Kraft hat, sich zu steigern. Der Höhepunkt ist aber ganz klar der Anschlag und das Umdrehen zur Anzeigetafel, wenn man die schöne Leistung in Zahlen sehen kann.

Ich wünsche Dir viel Erfolg in Shanghai und gute Zahlen auf der Anzeigetafel.

TV-Zeiten: Donnerstag, 28.07. 200 Meter Rücken Vorlauf um 3:30 Uhr MEZ live auf Eurosport. Freitag, 29.07. 4 x 200 Meter Freistil Vorlauf um 05:00 Uhr MEZ live auf Eurosport. Mögliche Halbfinal- oder Finalläufe finden jeden Tag zwischen 12:30 – 14.30 Uhr (live in ARD oder ZDF) statt.  

5 Kommentare

  1. Micha72 says:

    Hi,

    cooles Interview. Vielen Dank für so viel Einblick …

    Finde es auch sehr interessant, dass du vor dem Wettkampf keine Musik hörst. Das soll ja bei anderen echt Wunder wirken umd die Nervosität zu bekämpfen. Ich bin immer wahnsinnig aufgeregt und habe deshalb schon den einen oder anderen Wettkampf versemmelt.

    Bis ich nachfolgenden Bericht gefunden habe:

    http://www.sportiversum.de/bericht/535-nervositaetsbewaeltigung-beim-wettkampf

    Was hältst du denn von dem?

    Grüße

    Micha

    P.S. Würde mich über eine Antwort sehr freuen…..

  2. Agnes Schierweg says:

    Sehr informierend!

  3. Kritiker says:

    Herr Mack sollte Sportreporter und Herr Lebherz Weltmeister werden. Gefällt mir noch besser, als das Interview mit Frau Krieger.

  4. Schwimm-Fan says:

    Cooles Interview. Drücke auch die Daumen und hoffe das Beste :-)

  5. Lars Schneider says:

    Hallo Herr Mack,
    ein tolles Interview. Sie haben genau die richtigen Fragen gestellt. Wie kommen sie immer an die Sportstars, um ihnen Fragen zu stellen?

    MFG
    L. Schneider

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