Ist doch egal, wer das Tor schießt

Essay anlässlich der Fußball-Europameisterschaft 2012 über Homophobie im Fußball, negative und positive Beispiele aus der Fanszene und die grenzenlose Liebe zum Spiel mit dem Ball.

von Kai Klose und Daniel Mack

Homosexualität ist weiter das große Tabu im organisierten Männerfußball. Während Frauenfußballerinnen inzwischen ohne Weiteres lesbische Neigungen zugestanden, bisweilen sogar – nicht weniger diskriminierend – per se unterstellt werden, gibt es im Spitzensport offiziell keinen einzigen schwulen Mann. Dabei zeigen wissenschaftliche Studien, dass einer von elf Männern gleichgeschlechtlich liebt. Rein statistisch heißt das: Bei jedem Spiel wird pro Mannschaft ein homosexueller Spieler aufgestellt.

Auch bei Betrachtung der Gesamtgesellschaft ist es eigentlich unmöglich, dass ausgerechnet der professionelle Fußballsport ausschließlich Heterosexuellen vorbehalten sein soll. Trotzdem hat sich noch kein einziger Fußballer zu einem öffentlichen Bekenntnis durchringen können: Im Männerfußball herrscht immer noch eine homophobe Stimmung, die Schwule aus Angst vor Karriereknick und Fanschmähungen von einem Coming-Out abhält.

Noch heute wird Fußball in Deutschland gern als Inbegriff des männlichen Sports dargestellt. Dagegen wird schwulen Männern klischeehaft eine ausgeprägte „weibliche Seite“ angedichtet – das passt dann in vielen Köpfen nicht zusammen. Schwule Fußballspieler in den Profiligen erscheinen vor diesem Hintergrund wie Fabelwesen.

Dabei hat sich die Wahrnehmung homosexueller Frauen und Männer in der Gesellschaft gerade in den letzten Jahren gewandelt: Gleichgeschlechtlich liebende Menschen lassen sich eben genau so wenig wie Heterosexuelle in stereotype Rollenbilder pressen: In Kultur, Wirtschaft und Politik sind auch Lesben und Schwule längst anerkannt und weitgehend respektiert. Nur im Fußballuniversum scheint das noch nicht wirklich angekommen zu sein.

Eine feindliche Grundhaltung zeigt sich oft im alltäglichen Verhalten, auch im Sport. Da wird „schwul“ oder „Schwuchtel“ in Fußballkreisen häufig als Beleidigung für versagende Spieler oder Schiedsrichter gebraucht. Ab und zu tritt Homophobie aber auch ganz offen zu Tage: So wurde beim Spiel Dortmund gegen Bremen von Fans auf der Tribüne ein Plakat mit eindeutig homophobem Inhalt gezeigt. Die Medien ignorierten das zunächst beharrlich. Erst durch die rasante Verbreitung dieser unsäglichen Aktion in den sozialen Netzwerken und der damit einhergehende kritische Auseinandersetzung mit dem Plakat wurde auch medial darüber berichtet. Dass es auch ganz anders geht, zeigten die Fans des 1. FSV Mainz 05. Mit einer bunten und unglaublich großen Choreografie feierte die organisierte Fanszene den fünften Geburtstag des schwul-lesbischen Fanklubs des Mainzer Fußballclubs.

Manifeste Homophobie im Fußball darf jedoch keinesfalls übergangen oder gar ignoriert werden. Diskriminierung ist ein ernstes Problem, das aktiv angegangen werden muss, weil sie die Grundfesten unseres Zusammenlebens in Frage stellt. Daher ist es eine notwendige und längst überfällige Aufgabe auch von Vereinen, Funktionären und Politik, dieses Thema stärker in den gesellschaftlichen Blickpunkt zu rücken.

Ansätze dazu sind bereits vorhanden: Es gibt Fanclubs, die von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen getragen werden und die problematische Situation für Homosexuelle im Fußballuniversum auf die Tagesordnung setzen. Erste Vereine und Fanclubs haben in einer Charta ein klares Bekenntnis gegen Homophobie unterzeichnet. Noch während Theo Zwanziger Präsident des Deutschen Fußball Bundes war, wurde ein Faltblatt mit dem Titel „Viele Farben – ein Spiel. Gegen Diskriminierung von Homosexuellen im Fußball“ veröffentlicht. Diese Maßnahmen sind aber nur ein Anfang zur wirklichen Verbesserung der Situation. Da muss mehr passieren!

Mit vielen symbolträchtigen Aktionen hat gerade der organisierte Fußball dem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und der damit einhergehenden Diskriminierung eine große öffentliche Bühne gegeben. Dieselbe Entschlossenheit und das gleiche Engagement muss auch bei der Bekämpfung von Homophobie in Sport und Gesellschaft an den Tag gelegt werden. Die viel beschworene verbindende Wirkung des Fußballs muss gezielt genutzt werden, um Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen abzubauen. Dafür müssen Fans, Funktionäre und Politik an einem Strang ziehen.

Denn schließlich ist es doch völlig egal, wer das Tor macht – solange es dein Team ist. Sexuelle Orientierung ist dafür genauso irrelevant wie Herkunft, Hautfarbe und Religion. Was zählt, ist die gemeinsame Begeisterung für den Ball und die Liebe zum Spiel!

Daniel Mack ist sportpolitischer Sprecher, Kai Klose ist lesben- und schwulenpolitischer Sprecher der Grünen im Hessischen Landtag

28 Kommentare

  1. Harald says:

    Guter Beitrag, der sicher etwas thematisiert, was viele im Profifussball nicht thematisiert haben wollen.

  2. Dennis E. says:

    Die Grünen suchen den Quotenschwulen in der Nationalelf. Es muss sie einfach überall geben. Und wenn es sie nicht gibt, wird sich aufgeregt. Menno!!

  3. Erst wenn man sich nicht mehr outen muss, weil es in der Gesellschaft völlig egal ist ob einer homo/hetero/bi/trans ist, brauchen wir solche Artikel nicht mehr.
    Es ist zudem noch irrelevant, welche politische Couleur der Verfasser hat.
    Aber wie man manchen Kommentaren sehen kann, ist das wohl noch ein weiter Weg bis zu Normalität.
    Danke für den Artikel!

  4. Marion says:

    Kleine Korrektur zu Eurer Einschätzung, Fussballerinnen würden ohne weiteres auch lesbische Neigungen zugestanden: Durch die mittlerweile entstandene „Breitensportisierung“ und weiter anwachsende Akzeptanz des Frauenfussballs hält in gewisser Weise in der Frauenfussballszene eine Heterosexualisierung Einzug, die es so in den Ursprüngen nicht gab. Hier gerät das Offen Lesbische wieder in den Hintergrund, rückschrittartig quasi.

  5. Martin says:

    Ich verstehe nicht ganz, wo dein Problem liegt. Warum sollten sich Schwule nicht outen? Westerwelle outet sich doch auch. Warum sollten Nationalspieler das nicht tun?

  6. Fan says:

    Warum schaltest Du die schrecklichen Kommentare überhaupt frei?

  7. Neven says:

    Cooler Beitrag!

  8. Matthias Weber says:

    Danke Daniel. Danke Kai. Erschreckend, wie wenig positives Feedback ihr bekommt. Der Text spricht viele wichtige Dinge an. Ich verstehe bis heute nicht das Interesse einiger Fans am Privatleben der Spieler…

  9. Gökhan says:

    „Dabei zeigen wissenschaftliche Studien, dass einer von elf Männern gleichgeschlechtlich liebt. Rein statistisch heißt das: Bei jedem Spiel wird pro Mannschaft ein homosexueller Spieler aufgestellt.“ Den Bezug zur angesprochenen Studie verstehe ich nicht. Laut Statistik ist jeder elfte Mann Homosexuell, aber nicht jeder Mann spielt Fußball. Ansonsten super Artikel. Gruß Gökhan

  10. Deutscher says:

    Mir ist nicht egal, wer das Tor schießt. Keiner, der nen Schwanz in den Arsch steckt.

    • Martina says:

      Echte Fußballfans orientieren sich an der spielerischen Leistung, nicht an der sexuellen Orientierung der Spieler.

    • stefan says:

      Ohne jetzt all zu viel über das amoröse Liebesspiel der Fußballer spekulieren zu wollen, fürchte ich, *dieser Kommentar* schließt ungefähr jede Menge aktiver Fußballer egal welcher Orientierung aus. Viel Spaß beim Fußballschauen…

  11. Marek says:

    Die Kommentare zeigen wie wichtig der Text ist. Mehr davon!

  12. John Silver says:

    Guter Artikel, nur das IQ der meisten auf der Tribüne reicht bis dahin nicht

  13. Lisa says:

    Hallo Kai und Daniel,
    mir gefällt der Text sehr gut. Als lesbische Spielerin weiss ich, wie schwer es ist sich innerhalb einer Mannschaft zu outen. Es war gar nicht einfach. Entgegen allen Vorurteilen, in Mädelsmannschaften würden viele Lesben spielen, ist dies nicht der Fall.

    Fußball ist total normal.

    Vielen Dank und beste Grüße!

    Lisa

  14. Matthias says:

    Ich kann mir ehrlich gesagt keinen Schwulen in der Deutschen Mannschaft vorstellen. Die haben dort doch alle Frauen und auch sehr früh Kinder. Der ARtikel geht doch an der Realität vorbei und wie schon einer schrieb: Hier werden Probleme konstruiert die es nicht gibt!!

  15. Louis says:

    Finde den Beitrag klasse und lesenswert!!! Nicht entmutigen lassen!!

  16. Katha says:

    Warum soll es keine Homosexuellen im Fußball geben? Es gibt sie und sie müssen sich verstecken. Das ist die traurige Realität. Toller Beitrag!

    LG Katha

  17. Die Gutmenschen. Alles muss strikt nach Geschlechtern, Sexualität und Hautfarbe sortiert werden. Umweltschutz ist mir als Förster sehr wichtig. Die nervige multikultur-Propaganda geht mir ordentlich auf den Senkel. Warum kann man die Menschheit nicht akzeptieren wie sie ist…

  18. Hubertus says:

    Fordert doch eine Homo-WM…

  19. Deutschlandfan says:

    Wenn es keine Probleme gibt, werden welche gemacht. Schwule Fußballer soll es angeblich geben und sie würden sich nicht trauen. Wo sind ihre Belege? Mehr als anmaßend, ist es, solch einen Unfug zu verbreiten. Fußball ist eben kein Sport für Schwule, Frauenfußball zieht die Lesben an. Schwule spielen eher Badminton…

    • Jens says:

      @deutschlandfan: Es gibt genug Schwule, die sich für Fußball begeistern und selbst aktiv spielen. Ob nun die Quote im Profifussball bei tatsächlich 10% kann man in Frage stellen. Allerdings ist sie mit Sicherheit auch nicht bei 0,0%. Fußball ist Volkssport- und dazu gehören auch Schwule. Ich persönlich kenne übrigens keinen einzigen Homosexuellen, der Badminton spielt- Fußball hingegen spielen viele.

  20. Pirate says:

    Es gibt nicht nur Frau Timoschenko. Herr Klose und Herr Mack beschreiben das Problem richtig, gehen aber nicht weit genug. Denn wo sind die Forderungen von ihnen? Sie sind Politiker und ihre Aufgabe ist eine Veränderung herbeizuführen.

  21. Severin says:

    Hallo Daniel,
    kaum ist EM oder WM gibt es Sportartikel von Dir. Du entdeckst immer wieder Probleme, die es nicht gibt. Hast Du dich mal gefragt wie es ankommt wenn du den Fußball immer wieder für deine politischen Statements missbrauchst? Das wirkt billig und anbiedernd. Was bitte hat der Sport mit Politik zu tun??
    Gruß,
    Severin

  22. Leo says:

    Kann man so unterschreiben. Danke!!

  23. Arne says:

    Die grünen bauen sich die Welt. Ausländer sind schon dabei, Frauen spielen auch Fußball. Schwule fehlen noch. Claudia Roth hats befohlen!! :D :D

Kommentieren