Jan Delay: Deutschlandkritik vom Chefstyler

Jan Delay – Wir Kinder vom Bahnhof Soul

Vorstellung meines “Lieblingsalbums” in der Gelnhäuser Neue Zeitung (GNZ) vom 04. Januar 2011.

In den Neunzigern des letzten Jahrhunderts, als Jan Delay, der eigentlich Jan Eißfeldt heisst, die Absoluten Beginner gründete, war Deutschland noch Entwicklungsland in Sachen Groove und Style. 3 Jahre nach „Mercedes Dance“ (2006) hat der Hamburger mit „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ (2009) seine zweite Funk-Platte und sein insgesamt drittes Solo-Album herausgebracht.

Seine Tracks gehören zu den Essentials meiner iTunes Mediathek, sind ständige Begleiter für Unterwegs und haben mich um die Jahrtausendgrenze mit und den, meiner Meinung nach, bedeutendsten deutschen HipHop-Alben „Bambule“ und „Blast Action Heros“ politisiert.
Bild via jandelay.de

Jan Delay ist sich über all die Jahre treu geblieben. Er ist ein politischer Mensch, kritisiert die Gesellschaft und kümmert sich um Stil & Style. Damit meint er nicht nur Klamotten, sondern alles. Auch Politik ist für ihn Style. „Für mich hat Jürgen Trittin Style. Weil er einfach überzeugt ist und etwas vollkommen Unpopuläres macht. Er hat sich dieses Ding namens Dosenpfand ausgedacht, obwohl er wusste, er ist damit der unsympathischste Mensch der Welt. Fünf Jahre später ist klar, dass er recht hatte. Das hat Style für mich.“ sagt er der Wochenzeitschrift DIE ZEIT.

Sein Ziel ist die Wiederbelebung des Groove der siebziger Jahre. Seine Band Disko No. 1 passt dazu wie die Faust aufs Auge. Fette Bläsersätze, treibender Bass und drei Background-Sängerinnen – die zehnköpfige Band ist eben großartig und steht auf keinen Fall im Hintergrund.

In seinem nasalen Tonfall, der zu seinem Markenzeichen geworden ist, zeigt Jan Delay Visionen auf „Gib mir gutes Radio, gutes Fernsehen, gute Mode, gutes Essen, gute Clubs und ein paar fähige Idole, gib mir das alles, Digger, und wir können wetten, in 20 Jahren mach ich dir aus Bielefeld Manhattan.“ und fragt sich „wieso wählen sie FDP, wieso sie Crack rauchen“.

„Alle Jungen alle Mädchen / Woll’n auf dem schnellsten Wege in die Medien / Ja, wer was auf sich hält in diesem Land / Geht nach Berlin und wird berühmter Praktikant / Und so ergattert sich ein jeder einen Sitz / Auf der großen Milchkaffee-Rampe ins Nichts.“, denn von „100 kommt nur einer nach oben, der Rest landet bei Neunlive oder auf Drogen“. So steigt er mit seinem ersten Track in die Medienkritik ein, wirft kritische Blicke auf das „Showgeschäft“ und betreibt Deutschland-Diagnostik. Bei Jan Delay, der zu Anzügen auch gerne mal Nikes trägt, kommt vieles zur Sprache: das Land, die Leute und der Zustand in dem sich das Entertainment noch immer befindet.

„Überdosis Fremdscham“ widmet sich jenen Zeitgenossen, deren Würde „klein wie Erbsen“ ist. „Kommando Bauchladen“ ist ein schönes Plädoyer für korrektes Kaufen und kritisiert gleichgeschaltete, einheitliche und glattgeleckte Innenstädte, die immer mehr von großen Kaufhausketten und Konsumtempeln vereinnahmt werden „Tante Emma wurde umgebracht, von Onkel H und Onkel M. Doch keine Kripo, keine Hundertschaft, denn alle ham‘ Schiß vor ihrer Gang. Vor dem hässlichen Don Aldi und dem Deichmann-Clan, Bruder Kamps, und dem blutigen McPaper.“ und wünscht sich eine Krise für diese großen Handelsgruppen, die den Markt diktieren und „darum sparen wir euch zu Brei. Wir sind gefährlich, wenn wir unser Geld nicht nutzen und servier‘n euch rote Zahlen zum Frühstücks-Ei“. Es lohnt sich, auch beim Griff zum Geldbeutel Stil zu beweisen. „Aber ihr macht mich nich’ gleich! Ja und ich mach euch nich’ reich! Nee Mann, ihr kriegt mich nich’ klein, nee ihr Schweine!“

Trotzdem herrscht auf dem Album definitiv das Prinzip „Hoffnung“: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo diese Mucke her“, singt Jan Delay. Er beschreibt das Gefühl das Musik vermitteln kann. Mit seiner lässig spielenden Band Disko No.1 spielt er lockeren Funk. So sorgt der Chefstyler inspiriert von Prince & Stevie Wonder für musikalische Tröstungen „Doch wenn du denkst es geht nicht mehr / Dann kommt von irgendwo diese Mukke her / Und sagt dir dass alles besser wird / Und dass die Hoffnung als aller Letztes stirbt.“ und vermittelt mit seinem Soul Kraft.

„Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ ist allerdings keine Vertonung eines Politikreferats mit gehobenen Zeigefingers, sondern ist eindeutig eine Platte für den Club, die auf anspruchsvolle und kritische Texte mit Wortwitz nicht verzichten will. Sozialkritik und Style/Party ist bei Jan Delay genauso wenig ein Widerspruch wie Ökonomie und Ökologie in der Politik. Der Song „Abschussball“ ist ein typisches Elektro-Funk-Lied. Es geht ums tanzen, feiern und Party machen. Auf kreative Lyrics wird natürlich nicht verzichtet „Ein Laster voller Laster, so läuft das wenn wir feiern“. Jan Delay beschreibt schöne und lustige Bilder von tollen Partys. „Abschussball“ ist somit eine perfekte Hymne an das Weg- und Ausgehen in Hamburg. Nein, eigentlich Überall!

Die Platte lässt musikalisch keine Wünsche offen. Der Rhythmus geht ins Blut, die gute Laune die sie verbreitet ist ansteckend. Doch darum allein geht es nicht. Jan Delay – der Mann mit so vielen Namen wie Nikes im Schrank – will auf seine Art Deutschland verbessern. Der „Bahnhof Soul“ ist eine schöne Zwischenstation auf dem Weg zur Coolen Republik Deutschland.

Seine Botschaft: „Ich sag, sie wollen es fresh, und so richtig funky. / Ey, das mach ich doch mit links wie Ypsilanti.“ Jan Delay ist einer der freiesten Reimer, die wir haben.

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