Gastbeitrag von Janis Gepard, 19 Jahre, Schüler aus Frankfurt

Am Samstagabend las ich bei Twitter von dem Vorfall, der Daniel Mack dazu veranlasste am Frankfurter Hauptbahnhof einzugreifen, und mir stellte sich die Frage, in wie weit sich Zivilcourage durch das Internet in den letzten Jahren verändert hat.

Über das Internet sind wir einander nah wie nie. In ständiger Verbindung mit Menschen in anderen Ländern zu stehen hat uns womöglich die Achtsamkeit für Menschen direkt neben uns verlieren lassen. Andere an seinem Leben teilhaben zu lassen, oder an dem ihren teilzunehmen, bedeutet allerdings nicht, dass wir uns um diese Menschen kümmern, auch wenn es so scheint.

LOL oder YOLO

Ich gehöre der Generation-Smartphone an. Das sind jene Menschen, die mit ihrem Smartphone unterm Kissen schlafen und ständig überall neben der Steckdose sitzen müssen, weil der Akku aufgrund der intensiven Nutzung nur wenige Stunden hält. Doch was hat das mit Zivilcourage zu tun? Ich glaube, dass sich die Kommunikation meiner Altersgruppe verändert hat. Damit meine ich jedoch nicht nur Begriffe wie  „LOL“ oder „Yolo“, sondern die Kommunikation als solche, als menschliche Interaktion.  Der Small-Talk zum Wetter ist weggefallen und Information werden mit vier Abkürzungen pro Satz über WhatsApp verschickt. Ständig und überall erreichbar zu sein wird hier zum Fluch und dennoch haben wir uns schon längst daran gewöhnt.

Alles ist besser als reden

bewegungGerade in der Bahn ist man streng darauf bedacht sich mithilfe von Kopfhörern abzukapseln und seinen Blick ununterbrochen auf das Display zu richten. Wenn Blicke sich treffen, ist das unangenehm für beide beteiligten, denn im echten Leben sind Menschen für uns nicht so verständlich, beziehungsweise durchschaubar, wie im Internet. So versucht man dem zu entgehen, was bei der Informationsflut, die man mit dem Smartphone abrufen kann, nicht schwer ist. Oftmals gibt es jedoch gar nichts Interessantes zu lesen, also scrollt man gelangweilt durch Bilder seiner Verwandten auf Facebook, denn alles ist besser als reden.
Für ein Gespräch benötigt man nämlich einen Standpunkt als Mensch, doch wir, die mit dem Internet von klein auf groß wurden, sind zwar Meister der Selbstdarstellung (zB. via Facebook), doch versagen bei dem Versuch unseren Charakter zu definieren. Auf Facebook kann ich mir aussuchen, welche Musik ich mag, welche Filme ich gesehen habe und wie meine politische Einstellung ist. Der eigene Charakter entwickelt sich nicht länger – er wird selbst designt. Nichts von dem was wir sagen soll ernstgenommen werden, alles meinen wir ironisch, aus Angst mit anderen Menschen anzustoßen, dabei kann  gerade eine persönliche Entwicklung nur durch Diskussionen und andere Standpunkte stattfinden.

Lächeln als Verletzung der Intimsphäre

Haben mich mir unbekannte Menschen in der Bahn angesprochen, waren sie entweder betrunken, ziemlich verrückt oder alt. Das sollte zu denken geben, denn es ist ein Indiz dafür, dass eine Veränderung stattgefunden hat. An öffentlichen Orten wird es stiller, im Restaurant bestellt man mit Nummern und ein Lächeln wird sofort als Verletzung der Intimsphäre wahrgenommen.

Der Teenager von heute ist scheu und traut sich kaum ein „Hallo“ zu flüstern, wenn er kontrolliert wird. Bloß nicht auffallen, man windet sich schon irgendwie unauffällig durch die Großstadt. Dieses Geständnis wird ältere Menschen vielleicht verblüffen, da man Jugendliche doch eigentlich nur als vorlaute Raudis kennt, die randalieren, aber auch das lässt sich erklären. Je verängstigter wir uns alleine an unser Smartphone klammern, desto losgelöster sind wir schon Minuten danach, sobald uns Menschen umgeben, die wir mögen und kennen. Als Gruppe von Freunden in mitten von lauter Fremden und geschützt von der Anonymität der Großstadt, fühlt man sich unendlich frei.

Es liegt an dem Menschen hinter dem Display

strasse

Zurück zu den Übergriffen der Bahn-Mitarbeiter. Vermutlich hätte ich die Situation beobachtet und hinterfragt, denn das ist es, was wir von unseren Eltern und Lehrern beigebracht bekommen:

Alles hinterfragen.

Doch sind die Meisten dank musikalischer Dauer-Beschallung so in sich gekehrt, dass konkretes Handeln einen komplett überfordert. Wir trauen uns nicht zu, den Unterschied zwischen Richtig und Falsch in solchen Situationen zu erkennen. Wir haben nicht gelernt, dass sich das oftmals nur schwer unterscheiden lässt und vergessen dabei vollkommen auf unsere Instinkte zu achten, die Unmenschlichkeit sofort erkennen. Doch gerade diese Instinkte verstecken wir hinter der disziplinierten Fassade, die ein problemloses Zusammenleben in Großstädten garantieren soll. Wenn ein Mensch körperlich verletzt wird, dann ist das falsch und das Zustandekommen der Situation zweitrangig, da hilft es auch nicht in einen inneren Reflexionsprozess zu fliehen.

Das Verhalten von Daniel Mack zeigt hier jedoch noch eine weitere, bisher nicht erwähnte Seite der sich abgewandelten Form medialer Kommunikation. Bei seinem Einschreiten nutzte er das Smartphone. Nicht nur er, sondern auch hundert Andere, wie ich, konnten davon erfahren und dazu beitragen, das Thema so lange weiter zu tragen, bis es die breite Öffentlichkeit erreicht.

Auf der einen Seite lenkt das Smartphone vom Handeln ab, auf der Anderen jedoch kann es einen auch dabei unterstützen Aufmerksamkeit zu erregen und in der Masse des Internets eine Diskussion anzuregen.

Es liegt also an dem Menschen hinter dem Display, wie er es nutzt und ob er handelt. Zivilcourage geht in der Generation-Smartphone nicht verloren, wir müssen nur lernen sie richtig zu nutzen.

Fotos: Niklas Schader

Tags:

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.