Katrin Göring-Eckardt: „Der Wunsch vieler Menschen nach mehr Beteiligung ist überall spürbar.“

Katrin Göring-Eckardt bewirbt sich für die Spitzenkandidatur von Bündnis 90/DIE GRÜNEN zur Bundestagswahl 2013. Die 46-jährige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages ist seit 2009 Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und war 1989 Gründungsmitglied von „Demokratie Jetzt“ und „Bündnis 90“.

Katrin Göring-Eckardt im Gespräch mit mir über die Bedeutung des Internets für die Gesellschaft, Computer-Nerds mit Brille, Twitter und die Frage, obVogelgezwitscher schöner ist als digitales Piepsen:

In deiner politischen Arbeit setzt Du Dich besonders für Kinder ein. Für wie wichtig hälst Du die Teilhabe an der digitalen Welt/dem Internet für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen?

Früher oder später muss sich jeder mit dem Internet auseinandersetzen. Das heißt für mich aber nicht, dass Kinder und Jugendliche so schnell und oft wie möglich online sein sollten. Erst mal gibt es genug andere Erfahrungen zu machen, mit anderen Kindern, in der Natur, beim Spielen. Die ersten Schritte in der digitalen Welt sollten nicht verfrüht und vor allem mit pädagogischer Begleitung geschehen. Und um eine echte und gleichberechtigte ‚digitale Teilhabe‘ für alle zu ermöglichen, brauchen wir für die Schulen dringend neue Konzepte.

Du bist im Ausschuss für Kultur und Medien und warnst vor einer „kulturellen Spaltung“ der Gesellschaft. Was verstehst du darunter und glaubst du, dass beispielsweise das Internet dem entgegen wirken kann?

Ganz konkret meine ich damit, dass nicht nur Kinder, die Maximilian oder Sophie heißen und aus den Elbvororten kommen, Geige lernen dürfen, sondern eben auch Murat und Jennifer aus dem Frankfurter Bonames-Viertel.

Vor einigen Jahren haben die Einwohner des sozial schwachen Ost-Berliner Stadtteils Lichtenberg in einem Pilotprojekt über einen Bürgerhaushalt abgestimmt. Ganz weit oben auf der Prioritätenliste der Lichtenberger landeten der Erhalt und die Weiterentwicklung der Musikschulen. Kultur und kulturelle Bildung sind eben keine Luxusthemen – selbst in ärmeren Gegenden, da, wo es große soziale und wirtschaftliche Probleme gibt, wünschen sich die Menschen Zugang zu kulturellen Angeboten. Für die Politik heißt das, dass sie sich noch mehr als bisher der großen Bedeutung von Kultur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bewusst werden muss – gerade in einer Phase von Unsicherheit und Krise. Kultur prägt und stärkt die persönliche Identität, in Zeiten einer beschleunigten Individualisierung und Desintegration kann sie deshalb eine bindende Kraft entwickeln. Außerdem gilt: Nirgendwo sonst lassen sich die in der Wissensgesellschaft gefragten sozialen und kommunikativen Kompetenzen so gut einüben und vermitteln wie im Bereich der Kultur. In diesem Sinne gehört für mich zur kulturellen Bildung auch Medienkompetenz dazu.

Gelegentlich wird der Piratenpartei ein hohes Maß an Beteiligung zugeschrieben. Du hast deren Formen sehr treffend als elitär bezeichnet. Woran machst Du das fest?

Mit ihrer Art der Beteiligung spricht die Piratenpartei eine ganz bestimmte Klientel an. Es geht mir aber nicht um das abgedroschene Klischee des bebrillten Computer-Nerds, wobei die Piraten gender-politisch sicher noch einiges lernen können. Ich frage mich nur: Was ist mit älteren Menschen? Was ist mit denjenigen, die an der Piraten-typischen Diskussionskultur nicht teilnehmen können oder wollen? Nicht jede und jeder ist ein Twitterer. Und dass es mit der angeblich so tollen Beteiligungbei den Piraten selbst nicht so weit her ist, zeigt ja schon die Tatsache, dass das Programm „Liquid Democracy“ nur von einem kleinen Teil der Parteimitglieder wirklich genutzt wird.

Du bist selbst auf Facebook aktiv. Wie sind deine Erfahrungen als Politikerin auf Facebook und was haben dir deine Aktivitäten dort bisher für deine Arbeit gebracht?

Wenn man wie ich viel im Zug sitzt ist es Facebook ein gutes Medium, um in Kontakt zu bleiben, sich über aktuelle -Debatten zu informieren und selbst andere Grüne über meine Arbeit auf dem Laufenden zu halten. Facebook kann auch fürs Feedback gut sein: Wenn ich Statements, Texte oder Reden dort poste, lese ich immer sehr interessiert die Kommentare. Außerdem sind einige Familienmitglieder bei Facebook, es ist schön, zwischen zwei Terminen zu erfahren, was die gerade so machen.

Welche Rolle spielt Digitalität in deinem politischen und privaten Leben?

Das ist natürlich eine sehr allgemeine Frage. Wenn ich arbeite, bin ich sehr viel online, mit Iphone und Ipad. Wenn ich frei habe und abschalten will, schalte ich die aber mit ab. Dann höre ich aber lieber ungestört das Vogelzwitschern als digitales Piepsen.

Welche Möglichkeiten siehst Du, damit sich direkte und repräsentative Formen der Demokratie besser vereinen können?

Nicht erst seit dem sogenannten „Wutbürgertum“ gibt es da ja eine klare grüne Position, die ich absolut unterstütze: Ich bin für die Einführung von Volksinitiativen, Volksbegehren und Volksentscheiden auf Bundesebene.

Der Wunsch vieler Menschen nach mehr Beteiligung ist überall spürbar. Das darf aber nicht zu einer Abwertung der repräsentativen Demokratie führen – diese ist oft genug unangenehmen antidemokratischen Ressentiments ausgesetzt. Aber die Parlamente sollten schon offener werden für Ideen und Vorschläge aus der Zivilgesellschaft, deshalb wollen wir Grüne, dass durch die Volksinitiative auch Gesetzesvorschläge von außen das Parlament erreichen.

Du hast darauf hingewiesen, dass bei allen Möglichkeiten der Partizipation, schnell die vergessen werden, die sich nicht äußern. Wie gehst Du damit persönlich um?

Das ist für mich eine Leitidee meines politischen Handelns: Wir Grüne sind die Partei, die den Schwachen eine Stimme verleiht. Wir sind die Stimme derjenigen, die nicht gehört werden, weil sie „draußen“ sind. Ich versuche deshalb, auf Menschen zuzugehen und denen zuzuhören, die weniger privilegiert leben als ich, die im Alltag Probleme haben, mit denen ich nicht konfrontiert bin. Und ich versuche, daraus politische Lösungen zu entwickeln: In letzter Zeit engagiere ich mich vor allem für Maßnahmen gegen Altersarmut.

Welche konkreten Projekte liegen dir besonders am Herzen, wo siehst du konkreten Veränderungsbedarf?

Im Zentrum steht für mich soziale Gerechtigkeit, und viele Bereiche der Politik haben damit zu tun. Wenn ich etwa für eine echte und konsequente Energiewende kämpfe, dann eben vor auch für Strompreise, bei denen die junge Familie und die Oma von nebenan nicht für die Ausnahmen der Schwerindustrie mit bezahlen müssen. Im engeren Sinne sozialpolitisch wichtige Projekte sind für mich eine gerechte Politik der Inklusion, damit Arbeitslose ehrliche Teilhabechancen haben und nicht als Bürgerinnen zweiter Klasse behandelt werden. Genauso setze ich mich für Mindestlöhne und die soziale Absicherung für Menschen in prekärer Beschäftigung ein. Das Thema Altersarmut habe ich ja schon in der vorherigen Antwort genannt, dazu gehört für mich, dass wir eine Garantierente brauchen.

Und: Für mich als jemanden, der in der DDR aufgewachsen ist, ist Demokratie nichts Naturgegebenes – deshalb steht der Kampf für mehr Beteiligungsrechte und eine wehrhafte Demokratie, die Rassismus, Antisemitismus und Homophobie immer und überall entgegentritt, immer im Zentrum meiner politischen Arbeit.

12 Kommentare

  1. fuki says:

    Die Piraten sprechen eben nicht nur ein bestimmtes Klientel an, sondern arbeiten sich an ganz wichtigen Fragen der Demokratie im Informationszeitalter ab, mit dem wir uns ganz genauso beschäftigen müssen – und zwar in Zeitrichtung mutiger und ideenreicher als bisher. Wir werden dabei nicht dieselben Fehler wie die Piraten, aber wir müssen zulassen, dass auch wir Fehler machen können und mit uns genauso hart ins Gericht gehen wie mit anderen politischen Mitbewerbern.

  2. Isarmatrose says:

    Netzpolitik ist als Gesellschaftspolitik ein Querschnittsthema und auf Grund der fehlenden Links-Rechts-Ausrichtung kann man auch nicht viel „falsch“ machen, ausser man versteht Netzpolitik nicht. Und das ist hier meines Erachtens der Fall. Ich weiß jetzt immer noch nicht, wen ich wähle, bin mir aber sicher, wen ich nicht wähle.

  3. A. Wagner says:

    „Für mich als jemanden, der in der DDR aufgewachsen ist, ist Demokratie nichts Naturgegebenes“

    Das kann man nicht oft genug betonen!!

  4. Uwe says:

    Sehr differenzierte Äußerungen und sehr entspannt. Für die Grünen gut, für Wähler anderer Parteien auch. Das ist das charmante!

  5. Awe says:

    Kirchenkritiker Mack für Kirchenfrau.

  6. Jörg says:

    100 Mal besser als Roth. Das ist wenigstens eine entspanntere Art wie sie es macht. Sie bezieht sich halt nicht auf die Gegner und grenzt sich nicht ab. Das kann noch ein Nachteil werden. Sie sollte sich schon irgendwo etwas festlegen.

  7. Maria says:

    Beeindruckende Frau!!

  8. Reinhard says:

    KGE 4 Spitzenkandidatin!

  9. Qwerz says:

    Ich finde es ziemlich krass, wie hier eine Kandidatin massiv bevorzugt wird.

    Hast du gelesen was deine Favoritin so von sich gibt? Das ist doch keine Netzpolitik sondern das Gegenteil von dem was du machst und forderst.

    Kinder in die Kirche statt ans iPad. Na bravo!

  10. Björn says:

    Wie sind denn die Chancen für Kathrin?

  11. J. says:

    Warum bloggst Du sowas nur und schreibst es nicht in eine Zeitung? Interviewst Du auch die anderen Kandidaten? Warum Göring-Eckard zuerst?

  12. Dimi says:

    Schade. Katrin könnte auch mal konkret sagen, wofür sie ist und warum sie überhaupt kandidiert.

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