Philipp Lahm: der Deal mit der BILD-Zeitung und die verpasste Chance

Deutschland- und Bayern-Kapitän Philipp Lahm hat mit seinem Buch „Der feine Unterschied“ heftige Reaktionen ausgelöst. „Lahm rechnet mit Klinsmann und van Gaal ab“ (Focus), „Bayrische Verbalattaken“ (FTD), „Vermeintlich so brav“ (Rheinische Post), „Man darf an Lahms Kompetenz zweifeln“ (Der Westen) oder „Abpfiff für Lahms Tagebuch“ (Tagesspiegel) titelten deutsche Zeitungen. Der harte Gegenwind aus dem Trainerlager „Ganz schlechter Stil“ (Stanislawski), „Tabubruch“ (Vogts) sowie „Erbärmlich und schäbig“ (Völler) veranlasste den Außenverteidiger schließlich zu einer Stellungnahme. „Ich wollte Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und andere Personen selbstverständlich nicht persönlich treffen oder gar beleidigen. Das tut mir leid. Für Missverständnisse, die auf diese Weise entstanden sind, entschuldige ich mich hiermit bei allen Beteiligten.“, sagte Lahm.

Von Geheimnisverrat ist die Rede. Was in der Kabine passiere, müsse dort bleiben, so laute im Fußball die Regel. Der Kicker hob die Story auf die Titelseite seiner Ausgabe „Das Politikum Lahm“ vom 29.08.2011 und forderte seinen Rücktritt als Kapitän.

Hat der DFB-Kapitän ein Abrechnungs- oder Enthüllungsbuch geschrieben? Nein, Philipp Lahm hat ein Buch verfasst, das als Leitfaden für junge Fußballer dienen könnte und ihnen einen Eindruck davon vermitteln soll, wie das Leben eines Profis in Wirklichkeit aussieht. Der Vergleich mit Skandalbuchautor Toni Schumacher, der Doping thematisierte, ist absurd. Rudi Völler hat sich aufgeregt, weil ihn Lahm als DFB-Teamchef erlebte, der Taktik und Videoanalysen für nicht ganz so wichtig hielt. Lahm vergisst aber nicht hinzuzufügen, dass die Modernisierung bei allen Nationalmannschaften erst im Anschluss an die EM 2004 begonnen wurde.

Das harmlose Buch hat eine Aufregung ausgelöst, mit der sich die höchsten Repräsentanten des deutschen Fußball persönlich beschäftigten. Logisch, dass die mediengesteuerten Funktionäre ihren Kapitän vor den Spielerrat und das Trainerteam zitierten. Ergebnis: Bundestrainer Löw betont sein Vertrauen zu seinem Kapitän und erklärt, dass Lahms Buch nur eine Wiedergabe dessen sei, was schon bekannt ist. Auch Oliver Bierhoff, der das Manuskript (wie der FC Bayern) lange vor Veröffentlichung erhielt, hat an den vermeintlich kritischen Passagen des Buches nichts auszusetzen. „Philipp nennt keine Namen und berichtet über was, das bereits mehrfach in der Presse diskutiert wurde. […] Er äußert sich auch positiv über die Arbeit von Rudi Völler und Jürgen Klinsmann“, sagt der DFB-Teammanger.

Über die Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann, Louis van Gaal und Felix Magath schreibt Lahm nicht mehr als das, was vor Jahren im Sportteil diverser Zeitungen stand. Es ist kein all zu großes Geheimnis, dass Felix Magath seine Spieler gerne unter Druck setzt und Jürgen Klinsmann mehr Wert auf die körperliche Fitness als auf Technik und Taktik legt und Louis van Gaal komplett beratungsresistent ist und auf keinerlei Vorschläge eingeht.

Im Gegensatz zu seinem Berater Roman Grill „wir sind hier auch in einem Unterhaltungsbetrieb“ hat Lahm die BILD-Veröffentlichungen unterschätzt, sonst hätte er nicht mehrmals versucht sich für sein Buch zu entschuldigen. Die stückweise, stark komprimierte und zusammengeschnittene Vorveröffentlichung im auflagenstarken Boulevardblatt geschah jedoch nicht zufällig, sondern so wie Lahm und Grill es erwarten konnten. Denn „wenn du als Prominenter wenigstens Teile deines Lebens wirklich privat leben möchtest, dann musst du dir die mit einem gewissen Maß an Öffentlichkeit erkaufen.“ rät der erfahrene Spieler in Kapitel 15. Öffentlichkeit, die BILD gerne abnimmt und wohl  Teil des Deals mit dem Bayern-Profi ist. Schließlich hat das Boulevard-Blatt das Thema Ballack während und nach der WM im letzten Jahr so lange und ausführlich beackert, bis Löw pragmatisch entschied und dem langjährigen BILD-Werbepartner Lahm die Binde überlies.

Für das Springer-Blatt hat die Nationalmannschaftnämlich eine hohe Bedeutung. Bundeskanzler und Bundestrainer haben für BILD den gleichen Stellenwert. Spieler wie Stefan Effenberg und Mario Basler haben die Zeitung jahrelang mit Interna versorgt und Lothar Matthäus hatte sogar ein „geheimes Tagebuch“ veröffentlicht, indem er Gespräche aus der Kabine der Bayern und der Nationalmannschaft verraten hat. Das verdeutlicht, dass es dem Springer-Journalismus nicht um die beste Lösung für den deutschen Fußball geht, sondern um die eigenen Interessen des Verlags. Die Aufstellung der Mannschaft vor allen anderen Medien zu erfahren, Exklusivgeschichten drucken zu können und beim gesamten Informationsfluss bevorzugt zu werden. Nur so lassen sich die Verkaufszahlen der Zeitung und die Zugriffszahlen des Online-Portals auf einem konstant hohen Level halten.

Die Frage, warum jemand, der Kapitän beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft ist und sich somit kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere befindet ein Buch schreibt, findet gegen Ende des Buches eine mögliche Antwort: „Wer den Namen, Philipp Lahm’ in das Suchfenster von Google eingibt, erhält eine Reihe von Vorschlägen für den gewünschten Begriff. Unter meinem Namen findet sich an zweiter Stelle die Wortkombination ‚Philipp Lahm schwul’“ schreibt der Kapitän und stellt sofort klar „Ich bin nicht schwul. Ich bin mit meiner Frau Claudia nicht nur zum Schein verheiratet, und ich habe keinen Freund in Köln, mit dem ich in Wahrheit zusammenlebe.“ Und wäre er doch schwul, würde Lahm es nicht zugeben: „Ich würde keinem schwulen Profifußballer raten, sich zu outen. Ich hätte Angst, dass es ihm gehen könnte wie dem englischen Profi Justin Fashanu, der sich nach seinem Outing so in die Enge getrieben fühlte, dass er schließlich Selbstmord beging.“

Warum rät Lahm einem schwulen Fußballer sich zu verstecken und weiterhin mit seinen Ängsten zu leben? Die Chance ein Tabu zu brechen und sich von denjenigen zu distanzieren, die mit homophoben Sprechchören ihre Mannschaft antreiben, hat der DFB-Kapitän verpasst. Das wäre der „feine Unterschied“ gewesen.

15 Kommentare

  1. S. Weber says:

    An all die Kritiker: Ich bin Herrn Mack sehr dankbar für diesen Beitrag! Generell vertritt Herr Mack oft seine Meinung. Ist doch toll, dass er den Fußball mit Politik (Homopolitik) verbindet.

  2. Trainerin says:

    Herr Mack sagt wie es ist! Die Hetzjagd der Bild ist absolut unmöglich!!

  3. Felix Haufe says:

    Lieber Schwulenhasser,
    ihr Name suggeriert, dass Sie kein Freund von Homosexualität sind. Was haben Sie dagegen und warum? Wegen Leuten wie Ihnen entscheiden sich viele Schwule und Lesben dagegen sich öffentlich zu Ihren sexuellen Neigungen zu bekennen. Glücklich kann man aber nur sein, wenn man sich auch in der Öffentlichkeit so geben kann wie man wirklich ist. Somit tragen Sie dazu bei, dass viele Menschen weiterhin mit der Angst leben wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt oder gehasst zu werden. Ich würde mich freuen, wenn Sie jedem selbst überlassen mit wem oder wie Liebe gemacht wird. Hass hat es nie geschafft die Welt besser zu machen. Aber Respekt und Offenheit zu zeigen, ganz besonders denen gegenüber die anders sind als man selbst, würde es allen etwas erleichtern Spaß am Leben zu haben.

    • Dirk says:

      Sehr einfaches Weltbild. Lahm & Co sollten sich outen. Als Journalist weiss man wer es ist, darf aber, weil die Herren Angst haben, nicht schreiben.

  4. Jugendtrainer says:

    Hallo Herr Mack,
    auf der einen Seite setzen Sie sich für Sport und Jugendsport ein und jetzt lassen Sie einen Artikel in Facebook und Zeitungen verbreiten, um Lahm zu verteidigen. Als Politiker haben Sie mit Anstand nichts zu tun und einen Fairnessbegriff givt es dort wohl auch nicht. Trotzdem müssen Sie Lahms Eskapaden nicht für gut erklären. Was soll ich denn meinen Spielern erzählen?

    MFG

    Lutz Werner, Gründau

    • daniel mack says:

      Hallo Herr Werner,
      mailen Sie ihren Spielern einen Amazon-Link zum Lahm-Buch. Der Text ist völlig harmlos, für Jugendspieler sicherlich nicht uninteressant und kann bedenkenlos empfohlen werden. Von Eskapaden kann keine Rede sein,

      Beste Grüße

  5. Libero says:

    Daniel hat recht!

    Die Kritiker, die Philipp vorwerfen, er sei charakterlich nicht auf der Höhe, sollten mal in das Buch reinschauen. Darin sind keinerlei Interna ausgebreitet – das hat ja auch Joachim Löw festgestellt.

    Gruß Dennis

  6. Reinhard Senner says:

    Mich würde interessieren warum Herr Mack das Buch verteidigt und warum er Bild angreift. Das ist ja – ohne Grund – schon sehr merwürdig.

    Oder wird der Kommentar jetzt gelöscht?

  7. André Schuler says:

    Herr Mack, sie wundern sich? Ehre, Anstand, Freude, Fairness! Das vermitteln wir jungen Menschen im Fußballtraining.

    Sie verteidigen mit netten Worten und hartem Tobak gegen Bild einen Spieler, der Interna ausplauert, aufschreibt und das soll ein Buch für Jugendliche sein.

    Sie sollten sich schämen. Auch als Grüner sowas zu schreiben.

  8. Alisa says:

    Sehr gelungener Eintrag. Endlich mal jemand, der es so gut auf den Punkt bringt. Mach weiter so!

    Liebe Grüße

  9. daniel mack says:

    Liebe Leser,

    meine Kommentarregeln habe ich nicht umsonst aufgestellt. Beleidigungen gegen Philipp Lahm, den DFB oder mich finden hier keinen Raum. Ich hoffe ihr versteht, dass ich deshalb 19 Kommentare nicht freischalten konnte.

    Beste Grüße
    Daniel

  10. Florian says:

    Hey Daniel,

    toller Text. Du sagst klar was Sache ist. Kann ich unterschreiben!

    MFG Flo

  11. echter Fußballer says:

    Was wollen Sie mir mit diesem Text sagen? Etwa dass Lahm schwul ist?

  12. Schwulenhasser says:

    Warum sich Lahm nicht outet versteht eh keiner. Liegt wohl am Manager. Der will ja abzocken!

    • daniel mack says:

      Die Entscheidung, ob sich ein Mensch „outet“ oder nicht, ist eine persönliche Angelegenheit. Philipp Lahm erklärt in seinem Buch ausführlich warum er heterosexuell ist.

      Beste Grüße

      PS: Ich habe ihren Kommentar unter dem von Ihnen gewählten Namen „Schwulenhasser“ deshalb freigeschaltet, um zu zeigen welches Gedankengut leider auch im Stadion zu Hause ist für homosexuelle Spieler, im Falle eines Outings, eine Gefahr darstellt.

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