Polit-Dialoge im Internet setzen Authentizität voraus

Die Möglichkeit politische Vorgänge sehr kurz und prägnant kommentieren zu können macht Twitter reizvoll und attraktiv. Durch soziale Netzwerke befinden sich Politiker in einer 24-stündigen Bürgerfragestunde, in der Fragen beantwortet und Entscheidungen erklärt werden. 7 Tage in der Woche, 52 Wochen im Jahr.

Soziale Netzwerke sind nicht das Allheilmittel gegen Politikverdrossenheit. Dienste wie Twitter können aber helfen Dialoge aufzubauen, die in dieser unkomplizierten und unverbindlichen Form vor wenigen Jahren noch nicht möglich waren. Bürger, die selbst auf Twitter aktiv sind, können Politiker anschreiben. Nicht selten entstehen dabei Dialoge. Wer mit Dirk Nowitzki twittern und mit der Fußballnationalmannschaft chatten kann, der erwartet diese Nähe auch von der Politik.

Dialog setzt Authentizität voraus. Authentisch ist der, der selbst schreibt. Boris Rhein, Hessischer Innenminister und Kandidat der CDU für die Nachfolge von Petra Roth als Oberbürgermeister von Frankfurt schreibt nicht selbst. Die 140-Zeichen Botschaften werden vom „Team Boris Rhein“ verfasst. Wer dieses Team ist wird nicht beantwortet. „Ich habe ein neues Foto auf Facebook gepostet“ lässt der Politprofi schreiben. Das Bild zeigt ihn beim kochen während einer Wahlkampfaktion. Wenige Minuten später setzt der Rhein-Account den nächsten Tweet ab: „Ich habe ein neues Foto auf Facebook gepostet“. Unzählige Tweets mit der gleichen Botschaften folgen bis die ersten Rhein-Follower ihn parodieren. „Ich habe meine Bürotür geöffnet.“ twittert mein zukünftiger Kollege Kai Klose und der Twitter-User “Kulturgemeinde” schreibt „Ich habe eingeatmet“.

Facebook ist „ein sehr offenes Medium, was schwer zu beherrschen ist“, erklärt Rhein dem Hessischen Rundfunk. So schwer, dass Boris Rhein Twitter und Facebook nicht selbst bedienen und keine Online-Dialoge mit Bürgern führen kann?

„Klare Koalitionsaussagen von Heilig (Grüne) an die CDU“ schreibt der Rhein-Account während einer Podiumsdiskussion. Wenig später wird ein Bild von ihm gepostet – natürlich ohne Smartphone in der Hand. 140-Zeichen-Nachricten von Mitarbeitern schreiben zu lassen, ist der größtmögliche Fehler im Netz. Der CDU-Politiker lässt von seinen Mitarbeitern digitale Nähe simulieren und vergisst dabei, dass Online-Dialoge mit dem „Team Boris Rhein“ genau so ergiebig und attraktiv sind wie mit einer Marionette der Augsburger Puppenkiste.

Dabei hätte Rhein eine große Chance durch eine ehrliche Web 2.0-PR kontinuierliche Dialoge auf Augenhöhe zu führen und sich als zuhöhrender und antwortgebender Oberbürgermeisterkandidat zu präsentieren. Authentizität und Vertrauen entsteht dadurch, dass ein Politiker er selbst und nicht sein Mitarbeiter ist. Schließlich sind Politiker Menschen und keine Roboter, das darf auch auf Twitter schon einmal deutlich werden.

Die Politik kann durch das Web 2.0 die verrauchten Hinterzimmer  verlassen und eine wirkliche Transparenz schaffen und öffentlicher werden. Eine direkte Kommunikation der Volksvertreter mit dem Volk ist für unser demokratisches System von einer großen Bedeutung. Das Internet ist dabei eine große Hilfe, wenn gleich es auch immer einen Offline-Weg geben muss.

8 Kommentare

  1. Mel says:

    Wenn Boris Rhein twittern würde, könnte er ja nicht im Wahlkampf kochen. Es ist schön, wenn Politiker selbst twittern, das geht aber nur in den unteren Ebenen.

    Das ist unrealistisches Wunschdenken. Herr Rhein hat ja auch sonst was zu arbeiten und Post wird er auch nicht selbst beantworten. Warum also dann im Internet selbst schreiben?

  2. kraftwerk says:

    Rhein lässt während Diskussionen twittern, weil er selbst nicht twittern kann. Wo ist das Problem?

  3. Andreas Bechthold says:

    Naja, Boris Rhein ist Innenminister und ein Profi-Poltitiker. Er kann eben keine 3 Stunden am Tag für Facebook freischaufeln!

  4. Levi says:

    Boris Rhein ist also der Schäfer-Gümbel der CDU. Hat der SPD Chef aus Hessen nicht auch mal ein Team für sich schreiben lassen?

    Der Text gefällt mir. Wirst Du denn selbst noch so twittern wie bisher? Das wäre ja kaum möglich?

    • Daniel Mack says:

      Warum sollte ich anders twittern? Ich werde keine Internas veröffentlichen, aber meine Meinung zu allgemeinen politischen Themen, meinen Politikbereichen und anderen Dingen schreiben.

  5. Lukas Uhde says:

    Ich denke, es kommt bei den sozialen Netzwerken ganz darauf an. Dinge wie “Renate ist heute Abend an Ort X” oder so kann sicher auch ein Team posten. Das sollte aber immer transparent gemacht werden, indem angezeigt wird, wann der Kandidat schreibt und wann nicht. Aber wirkliche Inhalte sollten sicher persönlich gemacht werden. Denn sonst wirkt es aufgrund mangelnden Authenzität, wie Du ja gut darlegst, tatsächlich am Ende nur gezwungen und albern. Dann kann man es auch gleich lassen.

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