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Tilo Jung: „Der Staat darf sich seine Beobachter nicht zurechtstutzen“

Du kommst hier nicht rein! Für Blogger ist der Bundestag wohl die härteste Tür Deutschlands. Blogger werden ausgesperrt. Tilo Jung (28) produziert mit seinem „jung & naiv“-Team Politikerinterviews für seinen Youtube-Kanal und den Fernsehsender joiz. Der Pressestelle des Deutschen Bundestags ist das  egal. Für die ist Jung kein Journalist. Einen Jahresausweis für Pressevertreter im Bundestag soll er nicht bekommen.

Tilo Jung über Journalisten zweiter Klasse, den Unterschied zwischen Print- und Online-Journalisten und die Frage, wer den Staat beobachten darf. 

Hallo Tilo, im Gegensatz zu anderen Journalisten erhalten Du und Dein jung & naiv Team keinen Jahresausweis des Deutschen Bundestages für Pressevertreter. Warum?

Man unterstellt uns, dass unsere Arbeit keinen „unmittelbaren parlamentarischen Bezug“ hätte. Wenn mit der gleichen Logik auch die Kollegen von Sendungen wie „Bericht aus Berlin“ (ARD) oder „Berlin direkt“ (ZDF) nicht akkreditiert würden, könnte ich das ansatzweise nachvollziehen. Aber so ist es nicht. Diese Begründung ist vorgeschoben. Es wird argumentiert, dass ich meine Sendung im vergangenen Jahr ja auch so auf die Beine gestellt und genug Interviews mit Bundestagsabgeordneten bekommen habe. Es ist auch nicht von Interesse, dass „Jung & Naiv“ wöchentlich abends im Fernsehen läuft. Dass wir zuvorderst in diesem Internetz aktiv sind, wird uns nun offenbar zum Verhängnis.

Begründung des Pressesprechers des Bundestags an den jung&naiv-Redaktionsleiter

Fühlst Du Dich als Journalist zweiter Klasse?

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Tilo Jung mit Regierungssprecher Steffen Seibert

Nein. Aber wir werden so behandelt: von der Bundestagsverwaltung sowie indirekt natürlich auch von vielen Kollegen, die in der „ersten Klasse“ sitzen und sich über dieses Problem amüsieren. Wir Journalisten sollten in diesem Punkt zusammenhalten und auf Gleichbehandlung pochen, diese Solidarität ist aktuell nicht zu erkennen. Selbst der DJV, angeblich der Interessenverband deutscher Journalisten, scheint das Problem nicht zu erkennen und spricht sich nicht gegen die unzulässige Akkreditierungspraxis der Bundestags-Verwaltung aus. Stattdessen wird gesagt: „Na wer einen Presseausweis hat, hat jedenfalls keine Probleme und das ist das Wichtigste.“ Lächerlich.

Was sagst Du zu der Argumentation derer, für die Journalisten nur diejenigen sind, die nicht nur für Blogs schreiben?

Diese „Definition“ kommt meistens von den Leuten auf denen die Beschreibung dann zutrifft. Ich halte nichts von Unterscheidungen Blogger oder Journalist. Als ob sich das ausschließen würde. Und außerdem: Bloggende Journalisten sind die besseren Journalisten.

Macht eine Trennung zwischen Printmedien auf der einen Seiten und Weblogs auf der anderen Seite heute überhaupt noch Sinn?

Für Bundestagspräsident Norbert Lammert offenbar schon. Mir scheint, als wolle Norbert Lammert regulierend eingreifen und die Printmedien wieder stärken, indem den digitalen Kollegen der Zugang bestmöglich erschwert wird. Für Lammert scheint Online alles gleich zu sein. Kritischen, hintergründigen, neuartigen Journalismus findet Norbert wohl noch immer in den Zeitungen und TV-Sendern.

Würde ein „amtlicher Presseausweis“ für hauptberufliche Journalisten, wie er laut dem Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD kommen soll, mehr Klarheit schaffen?

Nein. Der Staat hat nicht festzulegen, wer über sie mit welchen Qualifikationen und unter welchen Bedingungen berichten kann. Der Staat darf sich seine Beobachter nicht aussuchen beziehungsweise bestmöglich zurechtstutzen. Es wäre schrecklich, wenn die große Koalition einschränken wollen würde, wer zukünftig noch Quellen- und Informantenschutz genießt. Gerade in der heutigen Post-NSA-Zeit wäre dieser Schritt kontraproduktiv.

4 Kommentare

  1. Silke-Johanna says:

    „Der Staat darf sich seine Beobachter nicht aussuchen“ Heißt das, dass ich auch als Betreiber eines privaten Blogs eine Jahresakkreditierung für den Bundestag erhalten soll/kann? Herr Mack, was ist genau ihre Forderung? Wo setzen Sie eine Grenze?

  2. Dennis says:

    Daniel, warum schreibst Du Deinen Parteifreunden in Berlin nicht mal ein paar Takte per Mail?

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