Warum auch die Unterstützungswelle für Boateng rassistisch ist

zuerst erschienen bei tagesspiegel.de

Es ist abenteuerlich, dass Deutschland im Sommer 2016 eine Diskussion über Hautfarbe und Herkunft führt. Politik und Bürgertum erstarren vor dem Gespenst des Rechtspopulismus und lassen sich von fremdenfeindlichen Politikern die Denkmuster diktieren. Einem rassistischen AfD-Vorstand schwirrt im Kopf herum, die Mehrheit der Deutschen wolle nicht neben Fußballweltmeister Jerome Boateng wohnen und überhaupt sei die gesamte Nationalelf „lange nicht mehr deutsch“. Das ist mehr als bloßes Herumtrampeln auf unseren Grundwerten. Die Debatte ist geschickt geframet, denn auf einmal diskutiert Deutschland in rassistischen Kategorien, ohne sich darüber im Klaren zu sein.

Schon die Frage, ob Boateng integriert ist, ist dumm.

Es gibt Fragen, die eigentlich nicht gestellt, aufgrund ihrer Dummheit aber erst recht nicht beantwortet werden sollten. Die Frage, ob Boateng integriert ist, ist eine solche. Ein Mensch, der in Berlin auf die Welt kam, bis auf ein Jahr in Manchester, sein Leben komplett in Deutschland verbracht hat, den Spitzensteuersatz zahlt, im Job Leistungsträger ist und wie Millionen andere auch soziale Projekte unterstützt. Integrierter, nein: vorbildlicher kann man nicht sein.

Wie rückständig ist diese Debatte für ein Land, das vor 10 Jahren die Welt zu Gast bei Freunden willkommen hieß, zum Exportweltmeister aufstieg, laut einer BBC-Umfrage 2015 das beliebteste Land der Welt war, das gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch international kaum stärker vernetzt sein könnte? Ein Land, welches zurecht stolz auf die starken freiheitlichen Werte seines Grundgesetzes sein kann.

Boateng, Özil, Schweinsteiger und Neuer sind Nationalspieler, weil sie auf ihren Positionen die besten Fußballer des Landes sind und nicht weil ihre Nachnamen die deutsche Gesellschaft widerspiegeln. Nicht wegen eines Migrantenanteils, sondern wegen einer famosen Teamleistung und des entscheidenden Tors von Mario Götze sind sie gemeinsam Fußballweltmeister geworden. Sie tragen des DFB-Trikot mit Stolz und sind Rolemodels für viele Jugendliche in Deutschland und darüber hinaus. Aufgrund ihrer Leistung.

Das Unterscheiden zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund passt nicht in eine globalisierte Welt.

Das Unterscheiden zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund passt nicht in eine globalisierte Welt. Deshalb ist das Aufteilen des DFB-Kaders in Spieler mit ur-deutschen und nicht-deutschen Wurzeln eine dumme Antwort auf den Rassismus von AfD und Pegida, weil sie auf dem gleichen Denkmuster basiert – nur eben andersherum. Ebenso falsch ist die Forderung, Boateng solle nun dauerhaft Kapitän der Nationalmannschaft sein. Weil Bastian Schweinsteiger eine weiße Hautfarbe und blond-graue Haare hat? Boateng hat im Benefizspiel gegen die Slowakei in der zweiten Halbzeit die Kapitänsbinde getragen. Allerdings nicht, weil sein Vater aus Ghana stammt, sondern weil er der Spieler mit den meisten Länderspielen auf dem Platz war.

Positiver Rassismus bleibt Rassismus und erkennt die  Denkkategorien an, gegen die man sich richten will.

Positiver Rassismus bleibt Rassismus und erkennt die fremdenfeindlichen Denkkategorien an, gegen die man sich eigentlich positionieren will. Dass die Herkunft und Hautfarbe eines unserer Fußballweltmeister und die Zusammensetzung unserer Weltmeister-Nationalmannschaft diskutiert werden, schadet dem Image Deutschlands in der Welt. Die Botschaft dieser Debatte ist, dass wir keine weltoffene und tolerante Gesellschaft sind. Überschriften wie „Germans Would Not Want Soccer Star Boateng as Neighbour, Politician Says“ in der New York Times und Bilder der schauderhaften AfD-Pegida-Demonstrationen sind Gift für Deutschland als Standort für Innovation und Digitalisierung. Wer seine wirtschaftlichen Spitzenpositionen erhalten und beispielsweise für Spezialisten aus dem IT-Bereich attraktiv sein will, kann es sich nicht erlauben, die Herkunft hier lebender Menschen zu diskutieren. Ansonsten dürfen wir uns nicht wundern, wenn Tech-Konzerne wie Facebook, Google, Amazon oder Infineon anderswo investieren und Standorte ausbauen, weil sie auf ein viel moderneres Gesellschaftsbild setzen, Vielfalt und Internationalität für sie ein Wettbewerbsvorteil darstellt. Herkunft spielt für alle, die wirklich im Jahr 2016 leben, keine Rolle mehr. Geschlecht, Religion und Sexualität auch nicht.

 

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