Wikileaks: Mehr Transparenz

Wikileaks leistet gute Dienste. Haben Staaten eine Privatsphäre? Sind Großmächte mit einer Intimzone ausgestattet, die es zu schützen gilt? Das sind die Fragen, die nach der Veröffentlichung von vertraulichen diplomatischen Depeschen der USA durch das Internetportal Wikileaks gestellt werden.

Die über hunderttausend Dokumente führten und führen zu erheblichen Turbulenzen. Viele Journalisten kritisieren die Enthüllungen. Sie sind der Meinung, es gebe einen schützenswerten Raum staatlicher Geheimnisse, wie DIE WELT und Süddeutsche in Sorge um die USA in mehreren Kommentaren schrieben.

Achja? Die Amerikaner sind entsetzt. Sie finden es gar nicht lustig, dass plötzlich die ganze Welt weiss, wie US-Diplomaten und Botschafter über andere Staatsmänner denken und mit welchen Mechanismen sie an Informationen gelangen.

Nun will man Julian Assange, dem Wikileaks-Gründer an den Krangen. Von Interpol gefahndet, von Scotland Yard bereits gefasst. Dem Ex-Hacker aus Australien könnte ein rasanter Aufstieg zum Volkshelden bevorstehen. Schließlich verdankte der Gründer des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, Rudolf Augstein seiner Verhaftung durch die Bundesregierung Anfang der sechziger Jahre unsterblichen journalistischen Ruhm.

Die Veröffentlichungen tragen zu Erkenntnisgewinn und Aufklärung bei. Wir sollten dankbar dafür sein. Die Wikileaks-Kritiker irren. Staaten sind keine Menschen. Sie haben keine Privatsphäre und daher auch keinen Anspruch auf Schutz derselben. Gern werden von ihnen Gefahren für Leib und Leben hervogerufen. Klingt ja erstmal dramatisch, aber: Wer soll da eigentlich in Gefahr sein? Geht es um Informanten aus brutalen Diktaturen, schwärzt Wikileaks die entsprechenden Namen. In Gefahr sind doch andere. Hillary Clinton etwa. Sie hat, wie dank Wikileaks erfahren haben, angewiesen, ausländische Diplomaten und Uno-Funktionäre auszuspionieren, deren Computerpasswörter, Kreditkartennummern und sogar biometrische Merkmale zu ermitteln. Dieses Vorgehen der US-Außenministerin ist ein Skandal – und nicht dessen Enthüllung.

Die Depeschen aus den westlichen Hauptstädten, die wir dank Wikileaks jetzt lesen dürfen, sind oft voll von Klatsch, Tratsch und Belanglosem. Aber auch diese Texte über Merkel, Westerwelle und andere Regierungen verschaffen uns einen Eindruck von dem Bild, das sich die USA von der Welt machen. Informationen wie die über Clintons Anweisungen offenbaren Abgründe, von denen demokratische Gesellschaften wissen sollten. Nein, wissen müssen!

Grundsätzlich gilt: Mehr Transparenz im Staat ist gut. Je mehr wir wissen, was hinter den Kulissen läuft, desto besser. Vor allem aber bedeutet mehr Transparenz mehr Kontrolle. Mehr Transparenz verlangen die Bürger von den Regierungen der USA und der EU, die ihre Milliardenschulden längst nicht mehr im Griff haben. Mehr Transparenz verlangen aber auch die Aktionäre der großen Konzerne und Banken, weil sie in der Finanzkrise feststellen mussten, wie sorglos die in den Medien bejubelten Manager mit ihrem Geld umgingen.

Kommentieren