tame-welcome

Zu wenige Menschen in Deutschland hören oder reden vom Gründen

Tame ist die erste Kontextsuchmaschine für Twitter. Der Service liefert auf einen Blick die relevanten Inhalte, Themen und Nutzer aus dem eigenen Twitter-Netzwerk und zu jedem frei wählbaren Suchbegriff. 

Tame-Mitgründer Torsten Müller spricht  über Twitter-Echtanalysen, warum Deutschland trotz 160-Zeichen-Kanzlerin in Sachen 140-Zeichen noch Nachholbedarf hat, wie ein Start-up sich von der ersten Idee bis zum fertigen Angebot entwickelt und was er sich von der deutschen Politik wünscht, dass Unternehmensgründungen im IT-Bereich einfacher werden. 

Hallo Torsten, Du bist Mitgründer von Tame. Was kann Euer Angebot? 

Tame bändigt die Informationsflut bei Twitter. Wer auf einen Blick und jederzeit ein Ranking der wichtigsten Themen, Nutzer und Inhalte aus Twitter haben will, der nutzt Tame. In Twitter-Fachsprache: Echtzeit-Twitter-Search und Analytics für Timelines, Follower, Listen und globale Suchen.

Wie kann man sich diese Echtzeitanalysen vorstellen? Welchen Mehrwert bieten sie mir?

torsten-mueller-tameMit Tame kannst Du Twitter nach Stichworten durchsuchen oder effizient Dein eigenes Netzwerk nutzen. Der größte Mehrwert ist innerhalb weniger Sekunden den Überblick über Tausende oder Zehntausende Tweets zu haben. Wir können Dir zeigen, worüber die meisten Leute in Deinem Netzwerk, die eigenen Follower oder die Leute, denen Du folgst, sprechen. Marketing- und PR-Verantwortliche wissen so, was ihre Zielgruppe beschäftigt und können ihre Kommunikation optimieren oder Kampagnen sowie ihre Konkurrenz überwachen.

Unsere Kanzlerin macht Politik via SMS, Deutschland liegt in Sachen Twitter-Nutzung aber deutlich hinter anderen europäischen Ländern. Wo hakt’s noch zwischen den 140 Zeichen und den Deutschen? 

Man könnte mit Mark Twain argumentieren – der sich ja über die Deutsche Sprache und deren Eigenheiten amüsiert hat – und behaupten, dass 140 Zeichen zu wenig sind, um sich vernünftig auszudrücken. In 160 Zeichen scheint es aber im Falle der Kanzlerin zu funktionieren. Daher glaube ich, dass Twitter in Deutschland einfach etwas länger braucht, da es nicht wie bei Facebook vorher ähnliche Dienste wie StudiVZ oder werkenntwen gab, die den Weg geebnet haben. In anderen Ländern ist Twitter fester Bestandteil der gesellschaftlichen Kommunikation.

Wie waren die ersten Reaktionen zum Start des Dienstes?

Martin Weigert vom Techblog netzwertig.com hat vor über einem Jahr unseren Prototypen eher zufällig in die Finger bekommen und gleich eine super Rezension geschrieben. So hatten wir schnell ein paar Hundert Nutzer, deren erstes Feedback auch sehr gut ausfiel. Wir haben in dieser frühen Phase aber auch viele Anregungen für unser Produkt bekommen, die wir dann peu à peu umgesetzt haben für den letztendlichen Launch im August 2013.

Das Konzept von der ersten Idee bis zur Gründung hat sich also verändert?

2012 sind wir mit der Idee gestartet, Inhalte in sozialen Medien auf Glaubwürdigkeit zu prüfen. Wir haben zum Glück schnell genug gemerkt, dass wir uns da zuviel vorgenommen hatten. Mein Mitgründer Frederik hatte dann die Idee für ein erstes Kernprodukt, das relevante Informationen bei Twitter kuratieren beziehungsweise finden kann. Dieser Grundgedanke war der Beginn von Tame, den wir bis heute verfolgen.

Habt ihr mit der Idee an einem Wettbewerb teilgenommen, um Mittel für euer Projekt einzuwerben oder wie habt ihr Eure Gründung finanziert? 

Unsere erste Finanzierung war EXIST, das Gründerstipendium, welches vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie vergeben wird. Damit konnten wir gemeinsam mit Entwickler Arno Dirlam loslegen. 2013 haben wir dann Crowdinvesting über die Plattform Companisto.de durchgeführt und die IBB Frühphasenfinanzierung bekommen.

Was ist der entscheidendste Faktor, damit Euer Start-up den Durchbruch schafft?

Das Validieren im globalen Markt, entweder durch eine hohe Anzahl an Nutzern oder durch mehr zahlende Kunden. Daher sind wir auch mit dem German Silicon Valley Accelerator in die USA gegangen, um zum einen den Kontakt zu Twitter herzustellen und zum anderen den dortigen Markt zu bearbeiten.

Was muss sich ändern, damit es junge und innovative Gründer in Zukunft leichter haben, aus ihren Ideen Projekte und schließlich Produkte zu entwickeln?

Junge und innovative Menschen müssen erstmal auf die Idee kommen, zu gründen. Hier muss mehr getan, eine Gründerkultur entwickelt werden. Das fängt schon in der Schule an. Der allgemeine Ruf von Unternehmern, auch gescheiterten, muss besser werden. Dafür ist es erforderlich, dass das ganze Thema mehr in die Breite der Bevölkerung getragen wird. Zu wenige Menschen in Deutschland hören oder reden vom Gründen, finde ich. Darüber hinaus brauchen wir einen einfacherem Zugang zu mehr Kapital und weniger Bürokratie. Das mag abgedroschen klingen, aber es gibt einfach in Deutschland nicht genug risikobereite Investoren.

Muss man als Unternehmer mittlerweile in Berlin gründen – oder geht das auch in Frankfurt oder Köln?

Es geht, und man sollte in jeder Stadt gründen, in der man ein passendes Netzwerk hat. Ich kenne viele Gründer aus anderen Städten mit spannenden und erfolgreichen Projekten. Für Berlin sprechen das Gründernetzwerk, Präsenz von Investoren, Förderlandschaft und die Anziehungskraft für talentierte Arbeitskräfte, auch aus dem Ausland. Ich bin von Hamburg nach Berlin gezogen, weil vor allem der Austausch mit erfahreneren Gründern wertvolle Hinweise gegeben und schlussendlich zur ersten Finanzierung geführt hat.

tame-action

Also alles top, oder müssen die Rahmenbedingungen für Gründungen im IT-Bereich noch weiter verbessert werden?

Ganz und gar nicht. Einfache und schnelle Finanzierungsmöglichkeiten für junge Unternehmen, die schnell wachsen müssen, fehlen. Crowdinvesting ist hier eine interessante Alternative, aber wenn man mit anderen Tech-Zentren der Welt mithalten will, muss auf einem hohen Level mehr geschehen. Steuererleichterungen für Business Angels sind ein wichtiger Schritt, die großen Venture Capital Funds sollten ebenfalls gestärkt werden. Sonst reden wir in 30 Jahren weiterhin nur von SAP als einzigen deutschen Global Category Leader im Softwarebereich, während vielversprechende deutsche Gründungen für die Kapitalsuche entweder in andere Länder ausgewandert, vorher untergegangen oder aufgekauft worden sind.

Eine klare Aufforderung an Landes- und Bundespolitiker. Was steht denn in den kommenden 12 Monaten für Tame auf der Agenda?

Investoren-, Kunden- und Partnerakquise sowie weitere Expansion. Mit dem German Silicon Valley Accelerator sind wir ab April wieder in San Francisco um im US-Markt weiter Fuß zu fassen.

Danke für das Gespräch und viel Erfolg mit Tame.

21 Kommentare

  1. Michael says:

    Vielen Dank für den Hinweis auf Tame. Wäre schön wenn es auch eine App für Smartphones dafür geben würde und man direkt aus der App twittern könnte.

  2. David Anger says:

    Ich nutze Tame schon länger und habe in Sachen Gründungen durchaus Erfahrungen. Wie eine Vorleser interessiert mich aber schon, was Daniels Leser aus dem Wirtschaftsministerium dazu sagen und wo sie ansetzen, um z.B. in Darmstadt Gründungen verbessern und auch ganz allgemein, wie sie gegen das Image „Du musst zum Gründen nach Berlin gehen“ arbeiten. Wäre schön, hier mal was zu lesen.

    Der Koalitionsvertrag hat mich dahingehend auch schon enttäuscht, lieber Daniel!

  3. Anne says:

    Vielen Dank für die vielen Infos zum gründen. Leider findet man dazu in Frankfurt überhaupt keine Beratung. Ich wüsste jetzt nämlich nicht, wie ich an die ganzen Projekte komme, die im Interview aufgezählt werden. Habe vor zwei Jahren selbst überlegt mit einer Kommilitonin zu gründen, haben es dann aber gelassen, weil wir einfach im Regen stehen gelassen wurden. Auch die Beratung des Landes Hessen war nicht hilfreich. Die Frage, wie wir an Gelder kommen könnten, wollte man uns nicht beantworten, wir sollten erstmal so anfangen. Echt schade……

  4. Reinhard Weber says:

    Spannend zu lesen. Du fehlst in der Politik…

  5. Kathrin says:

    Die Kritik hier verstehe ich nicht!

    Dass der Alltag immer weiter von Technik durchdring wird, wissen selbst Kinder. Es denen dann in der Schule auch näher zu bringen und Gründer generell nicht als Deppen hinstellen, wenn es nicht klappt… was spricht da dagegen?

    Mich interessiert eher, was nun nach dem Interview passiert? Mündet das in Projekte in Hessen, Daniel? Wird es in Südhessen nun auch ein Cluster geben?

    Lieben Dank!

  6. Wolfgang says:

    Ein Politiker fragt einen Gründer was die Politik tun soll. Albern, aber so typisch. Was in den USA Kohle abwirft soll auch in Deutschland passieren, koste es was es wolle. Wir sind eben ein Automobilbau-Land und weniger ein Software-Land. Dass diese Bedingungen, wie sie genannt werden, Milliarden verschlingen würden, wird nicht erwähnt, stattdessen soll sogar schon in Schulen dafür geworben werden.

  7. Severin says:

    Hi Daniel, bin ja Stammleser und muss sagen, das Interview mit Thorsten Müller von Tame ist echt cool geworden. Trotzdem verstehe ich Thorstens Message noch nicht so ganz. Soll man nun gründen oder muss sich erst etwas ändern, bis es wirklich Sinn macht. Die Frage nach den Steuersenkungen interessiert mich natürlich auch sehr. In welchem Bereich sollen die geschehen und wie könnte eine Förderung von Startups zum Beispiel im Raum Stuttgart aussehen?

    Gruß
    Severin

  8. Arndt says:

    Dieser Satz „Eine klare Aufforderung an Landes- und Bundespolitiker“ ist überflüssig. Damit greifst Du ja indirekt Deine eigene Landesregierung an.

    Versteh mich nicht falsch, ich finde das Interview sehr gut. Aber solltest Du nicht einen Handlungskatalog für Eure Regierung entwerfen, um auch wirklich etwas zu verändern?

    • Daniel Mack says:

      Ich bin kein Abgeordneter (mehr), insofern gibt es nur „die“, aber nicht „meine“ Landesregierung. Dass sich in Hessen etwas tun muss ist klar. Ist aber auch nicht neu.

  9. schreiber says:

    finde das hier ziemlich einseitig und unkritisch geschrieben. solche analysen werden ja langfristig auch dazu führen, dass jobs wegfallen und ganze branchen in diesem bereich überflüssig werden. finde die aussagen von einem lobbyisten werden hier zu unkritisch hingenommen.

  10. Linda says:

    Vielen Dank für den Tipp. Ich habe mich gerade mal angemeldet. Für uns Journalisten sehr spannend!

  11. Matthias says:

    Endlich wieder mal ein Netzpolitik-Interview :-)

    Ich finds gut, Daniel, dass Du immer wieder Interviews führst, die sich dann auch gut lesen lassen, mich interessiert aber auch schon sehr, was Du als Netz-Experte zu den Forderungen von Torsten Müller sagst.

    Vielleicht kannst Du das ja noch nachtragen…

Kommentieren