Bei Twitter aussteigen? Find‘ ich falsch

zuerst erschienen bei handelsblatt.com

Ich nutze die Nachrichtendrehscheibe, um zuzuhören. Ich will wissen, was andere denken, was sie beschäftigt, worüber sie nachdenken, welche Trends wieder vorüber sind, was als Nächstes kommt. Diesen ungefilterten Fluss, das Puristische, Minimalistische, die direkte Sprache. Ich liebe das.

Peter Altmaier, Dunja Hayali und Christian Lindner beherrschen das perfekt. Es macht Spaß das zu lesen. Und es sind viele andere, die das Netzwerk einzigartig machen. So einzigartig, wie man es selbst haben möchte. Wir Nutzer sind es, die entscheiden, mit welchen Themen und Meinungen wir uns konfrontieren lassen. Ganz unabhängig vom Medium und der Technologie.

Die Nutzung des 280-Zeichen-Dienstens ist nichts anderes als der Gang zum Zeitungskiosk. Dort kann ich ganz bewusst zum Handelsblatt, zur „FAZ“, zur „Welt“ und zur „Zeit“ greifen. Ich kann mich allerdings auch vergreifen und die „Junge Welt“ oder „Junge Freiheit“ in den Händen halten. Jeder wählt frei aus. Immer wieder neu.

Ja, Twitter ist schnell, sehr schnell, manchmal unberechenbar. Hellwach muss man dafür sein. Aber auch nicht wacher als beim lesen der samstäglichen Kommentare von Ulf Poschardt und Peter Unfried in „Welt“ und „Taz“.

Morgens aufwachen, mit der rechten Hand blind zum Handy greifen, Twitter und Co öffnen, News checken und dann so langsam den Weg aus dem Bett finden? Mag sein, dass viele Menschen aus dem Politik, Medien- und Informationsbusiness so in den Tag starten. Meine Morgenroutine ist es nicht. Twitter kommt nach dem Kaffee, nie davor. Dafür muss ich wach sein.

Warum ein Politiker dort nicht mehr schreiben möchte, verstehe ich nicht. Es ist sein ureigenstes Interesse, seine Ideen und Botschaften mit möglichst vielen Menschen zu teilen, Resonanz zu bekommen. Erst recht mit Multiplikatoren.

Ein Politiker, der den Ort meidet, an dem Zuhören, Lesen und Inspiration so einfach ist? Finde ich falsch. Politik bedeutet nicht, alles besser zu wissen und das Netz nur für die Verlautbarung zu nutzen. Nein, die alten Wege der Einbahnstraßen-Kommunikation sind ausgetreten.

Und ja, es gibt Hass im Netz. Es gibt furchtbare Hetzer. Menschen, die das Destruktive suchen. Negative Personen, deren Ziel Störung ist, die vernünftigen Austausch unmöglich machen und positive Akteure mürbe machen wollen.

Freiheit bedeutet allerdings auch, Hetze zu blocken. Und bevor man dazu greift, kann durch die Einstellungsmöglichkeiten sozialer Netzwerke viel automatisch herausgefiltert und für einen selbst unsichtbar gemacht werden. Mittlerweile habe ich über 5.000 Hetzer geblockt. Tendenz steigend. Was das mit mir macht? Meine Zeit im Netz gehaltvoller und entspannter. Ich genieße es.

Gerade in Zeiten fundamentaler Veränderungen brauchen wir mehr denn je Dialoge zwischen den Leuten im Land und der Politik. Auch sichtbare Dialoge zwischen Politik und Medien. Das schafft Transparenz. Und Transparenz sorgt für Vertrauen.

Dazu braucht es allerdings Offenheit für neue Wege und alternative Kommunikationsformen. Wer auf Augenhöhe kommunizieren will, muss sich auch auf Augenhöhe begeben. Es gibt keinen besseren Weg, Akzeptanz und Vertrauen für das demokratische System und die getroffenen Entscheidungen zu schaffen, als die Betroffenen selbst einzubeziehen und Transparenz zu schaffen.

So kann der faire digitale Dialog eine große Bereicherung für unsere demokratische Kultur sein. Das lassen wir uns von niemandem kaputt machen. Demokraten rennen nicht weg.

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