Die Grünen-Anhänger wollen Vernunft – und keine Umverteilung

erschienen in DIE WELT

Es sind die großen Zukunftsfragen, die derzeit von den Grünen am besten beantwortet werden. Für die wachsende Zahl ihrer Anhänger gilt: Diese verlangen von der Politik durchdachte Konzepte – Ordoliberalismus im besten Sinne.

Die gute Nachricht vorweg: Es kann regieren wer will, in Deutschland findet Klimaschutz statt. Müsste nur deutlich mehr sein. Immerhin: Bosch will schon im nächsten Jahr CO2-neutral sein, Konzerne wie Adidas, Siemens und SAP haben nicht nur eigene Programme zur Dekarbonisierung gestartet, sondern fordern gemeinsam als Allianz von der Politik, die „Geschwindigkeit der Transformation hin zur treibhausgasneutralen Wirtschaft zu erhöhen“.

Nicht weil die Unternehmenslenker allesamt zu Umweltaktivsten mutiert sind, sondern weil es um Wettbewerbsfähigkeit, Marktanteile und nicht zuletzt um den Erhalt von Wohlstand und Freiheit in Europa geht.

Es sind diese großen Fragen der Zukunft, die derzeit von den Grünen am besten beantwortet werden. Mehr als jeder vierte Deutsche sieht das laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend so. Der höchste Wert aller Parteien, der die Truppe um Baerbock und Habeck weit nach oben schnellen lässt. Die Partei, die vor gut eineinhalb Jahren mit 8,9 Prozent in den Bundestag wieder einzog.

Ja, Deutschland erwartet von der Politik mehr Klimaschutz (68 Prozent laut FGW-Politbarometer), ist unzufrieden mit dem Ausbau erneuerbarer Energien (60 Prozent), steht einer CO2-Steuer aber trotzdem mehrheitlich ablehnend gegenüber. Selbst bei der Grünen-Anhängerschaft kommt die durchaus sinnvolle Idee der CO2-Bepreisung nur auf 66 Prozent.

Was nach einem Widerspruch klingt, ist keiner. Es ist vielmehr ein Beleg dafür, dass es sich um abwägende Menschen handelt, die die Grünen aktuell für sich gewonnen haben. Leute, die von der Politik keine Schnellschüsse, sondern durchdachte Konzepte verlangen. Die erwarten, dass der Rahmen klug und überlegt gesetzt wird. Die am liebsten sehen würden, dass Unternehmen ihre Innovationskraft nutzen, um den Klimawandel zu begrenzen. Erfinden statt verbieten oder leugnen. Ordoliberalismus im besten Sinne.

Diese Leute verlangen nach Berliner Grünen-Ideen, die so ausschauen wie die erfolgreiche „Politik des Gehörtwerdens“ in Baden-Württemberg. Denn 92 Prozent der Grünen-Anhängerschaft wollen eine „moderne, bürgerliche Politik“ (FGW-Politbarometer), also das Gegenteil einer ideologischen Zusammenarbeit mit der Linkspartei, was manch Parteifunktionär für ein Gesellschaftsprojekt hält.

Sie erwarten etwas anderes: Vernunft. Sie träumen nicht von der großen Umverteilung und warnen all diejenigen in der grünen Partei, die eine Idee wie das in Finnland wirkungslos verlaufene Experiment eines bedingungslosen Grundeinkommens weiter vorantreiben wollen.

Gut die Hälfte der potenziellen Grün-Wähler möchte in der Frage der Grundrente, dass Geld nur an Bedürftige gegeben wird (Infratest). Es ist der zweithöchste Wert nach dem der Anhänger von CDU und CSU. Wir sollten also das Versprechen von Aufstieg durch Arbeit erneuern und darüber reden, wie wir es Menschen in Zeiten technologischer Umbrüche ermöglichen, ihre Lebensverhältnisse selbst zu verbessern.

Diese Pro-Europäer wünschen sich verantwortungsbewusste Grüne in der Regierung, die sich „um die Folgen der Politik für kommende Generationen“ kümmern (90 Prozent, Infratest Europawahl). Und sie wollen, dass unser Land funktioniert. Noch besser als heute schon.

Sie schauen genau hin und überlegen sich sehr gut, wen sie wählen. In all ihrer inneren Dialektik zwischen Bewahren ihrer ganz persönlichen Komfortzone und notwendigen Veränderungen für eine umweltfreundliche Zukunft wollen sie bis zum tatsächlichen Wahltag spüren, dass der aktuelle Reiseweg der Grünen schlau durchdacht und unideologisch ist.

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